Juryrede Michael Kegler

Ich weiß noch, wie wir als Jury zusammensaßen - beziehungsweise nicht zusammensaßen und über Bildschirme kommunizierte - in diesem Jahr, in dem man sich im Zusammensitzen einer diffusen Gefahr aussetzte, der Angst, dem Unbehagen: Dieser schwebende Zustand, in dem Nähe und Distanz sich verschoben, irgendwo fern der Tod lauerte, und vieles das Leben beherrschte, das nur verschwommen zu sehen war. Eine Stimmung, für die manchmal Worte fehlten.

Wie sehr passt das auch, jetzt wo ich noch einmal dieses Buch in den Händen halte, zu dieser gelblichen Stimmung in dem Roman, dessen Übersetzung wir heute ehren. Dieses Diffuse, das nach Eutersalbe riecht, nach Verboten, nach Gottes strafender Hand und zerplatzender Noppenfolie, nach Tod.

„Mutter taucht einen Kümmelkäse in Salzlake unter“ „Man muss immer ins Dunkel schwimmen, das wusstest du doch“ „Für einen Moment zog Oma mich an ihre Brust, sie roch nach Biestmilchpfannkuchen mit Speck und Sirup“ und: „Wenn Kröten einmal aufeinanderhocken, bekommt das Männchen schwarze schwielenartige Knubbel an den Daumen, damit er das Weibchen besser festhalten kann.“

Was ist das für eine Welt, die Helga van Beuningen da mit leichter Hand übersetzt hat. Was ist das für eine bizarre Poesie! Es gruselt einen, es schaudert, es steigt einem der Geruch nach all dem, das ich eingangs genannt habe, in die Nase, der merkwürdige Muff, all das unterschwellige, zähe Elend, in dem auch billige Plastikkultur, Kindergedanken, abstruse Fantasien, naive Gottesfurcht und wiederum die subtile Gewalt eine Rolle spielt, die manchmal einfach nach Kuhstall riecht, wie der Vater.

Diese Welt, die Marieke Lucas Rijneveld in „Was man sät“ entwirft, ist so fremdartig und gleichzeitig so vertraut, ruft so viel auf und reißt so viel an, durchwandert im engen Radius Situationen und Einbildungen von strengstens verquerer Bibelauslegung, überfahrenen Kröten, Bauernhof, Plastik, Kuhmilch und prekärer Billigkultur bis zu wirklichen Seelenqualen aller Beteiligten, die diese nicht immer in Worte fassen: Schuld, tote Kaninchen, der ertrunkene Bruder, und wie eine Familie, die vielleicht nie eine war, auseinanderfällt.

Das alles so souverän übersetzen (das Bild von der leichten Hand hatte ich schon), dass es nicht überfrachtet, nicht verkleistert, nicht all die Nuancen auch des Zärtlichen, des Filigranen, des kindlich Verzweifelten verliert, ist hohe Kunst, die wir in die Formel „geradezu furchtlose Genauigkeit“ gepresst haben, die wir Helga van Beuningen attestieren, weil so eine Begründung der Jury nur wenige Worte umfassen darf.

Es soll hier um die Übersetzung gehen, wo doch Übersetzung das Unsichtbare hinter dem Text sein soll, dem man nicht ansieht, dass er übersetzt wurde. Und genau das ist ja hier der Fall. Sich in Superlativen zu verlieren, würde zu dieser Übersetzungsarbeit nicht passen, sie ist einfach gut, was bei so einem Text eben nicht einfach ist. Den „genauen Ton treffen“ ihn „glaubwürdig ins Deutsche bringen“, wie es in unserer Begründung fast läppisch heißt, ist alles andere als läppisch, wie wir alle wissen. Es unprätentiös zu erledigen, ist grandios; vielleicht kommt hier auch die Gelassenheit der langen Erfahrung zugute, vielleicht kann nur, wer lange Erfahrung mitbringt, einen so dezent überbordenden Text einer fast noch jugendlichen Erzählerin „glaubwürdig“ übersetzen.

„Das geht schon sehr ans Mark“, sagt Helga van Beuningen in einem Interview dazu. „Manch einer würde vielleicht dazu neigen, das zu glätten, zu beschönigen, aber das darf nicht sein.“ Was für ein Glück, dass Helga van Beuningen sich streng an diese an sich selbstverständliche Devise gehalten hat, halten konnte. Wir alle wissen, wie einfach genau das nicht ist.

„Wenn ihr eine Profilneurose habt, dann sucht euch besser einen anderen Beruf als den der Literaturübersetzerin" beschreibt Helga van Beuningen im selben Interview eine weitere Säule des Selbstverständnisses von uns Literaturübersetzenden. Umso mehr ist es uns als Jury eine Freude, Sie, liebe Helga van Beuningen durch unser Votum ein wenig aus dieser programmatischen Unsichtbarkeit hinter dem Werk herausgehoben zu haben.

Herzliche Gratulation zu dieser Arbeit, für die wir Sie bewundern. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis.