Danksagung Thomas Weiler

„um nicht mit ich zu beginnen, habe ich mit um begonnen, und kann nun hier nie wieder anders beginnen, nämlich das ganze, das schon begonnen hat, unabänderlich mit um.“

Meine Damen, meine Herren, meine Lieben,
mit ich beginnen Schriftsteller. Übersetzer, nachwachsende zumal, sonnen sich mit Vorliebe in deren Schatten und fliehen als lichtscheue Gesellen Öffentlichkeit und Rampe. Schriftsteller stellen etwas Eigenes hin, setzen etwas, Übersetzer setzen das Gesetzte dann lediglich über. Oder um, um auf besagtes um zurückzukommen. 
Nun bin ich hier in der Verlegenheit, Ihnen selbst etwas vorsetzen zu müssen. Den ersten Impuls, mir von einem meiner Autoren eine Dankesrede schreiben zu lassen, um diese dann zu übersetzen und Ihnen hier als mein Original unterzujubeln, habe ich tapfer unterdrückt. Mit Todesverachtung habe ich mich selbst vor die blütenweiße Bildschirmseite gesetzt. Ohne Original auf der Buchstütze nebenan oder im Fenster dahinter. 
Und, wissen Sie was? Ich – ja, ich beginne langsam, mit ich zu beginnen – ich hege den stillen Verdacht, dass, wer übersetzen will, auch setzen können muss. So riskant das ist. Wie soll, wer einem fremdsprachigen Text in seiner Sprache nichts entgegenzusetzen hat, die Reibung erzeugen, die Literatur zu Literatur macht? Freilich, die Gefahren sind evident: Wie schnell setzt man (sich) über Ton, Rhythmus, Lautgestalt und Intention eines Textes hinweg, sei es aus Unbedachtheit oder Größenwahn? Wie schnell wird aus dem Über- ein Drübersetzen, wenn einem bei der oft mühsamen Wanderung vom vom zum zum der Boden unter den Füßen abhanden gekommen ist? Wie leicht setzt man eine Passage in den Sand bzw. in die Nesseln, die zwischen allen Stühlen wuchern?! 
Aber wie lesen sich andererseits Texte, die glatt runterübersetzt sind, ohne dieses aufreibende Ringen um das Eigentliche? Setzen nicht auch sie den Autoren weniger ein Denk- denn ein Grabmal? Beides, drunter und drüber, wird den Originalen und den berechtigten Erwartungen der Leser an eine Übersetzung nicht gerecht. Also setzen, nach penibler Befragung des Textes auf die Setzungen des Autors hin, die er mit den Mitteln seiner Sprache vorgenommen hat. Immer wieder wandern, vom vom zum zum und zurück, bis sich die Befriedigung darüber einstellt, dass eine Passage endlich sitzt!
In seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (eine Entdeckung, die ich Renate Birkenhauer verdanke) unterscheidet Johann Christoph Adelung grundsätzlich zwei Bedeutungen von „setzen“. Die erste stehe für „mit Heftigkeit fort beweget werden“, sie wird illustriert mit der schönen Fügung „mit der Schaluppe über den Meerbusen setzen“. Treffender erscheint mir in unserem Kontext jedoch die zweite Bedeutung: „Es ist das Factitivum von sitzen, und bedeutet eigentlich sitzen machen, in weiterm Verstande aber auch stehen machen, und in noch weiterm, einem Dinge einen gewissen bestimmten Ort geben.“ 
Ich danke der diesjährigen Jury, Ulrich Blumenbach, Jürgen Dormagen, Kristof Magnusson, Rosemarie Tietze und Jan Wiele, die mit ihrem Votum bekunden, ich hätte Paranoia von Viktor Martinowitsch in der deutschen Sprache einen gewissen bestimmten Ort gegeben und den Text dort sitzen gemacht. Gerade bei diesem Roman galt es, Ton und Tempo immer wieder neu zu setzen, darum bedeutet mir dieses Votum aus berufenem Munde viel.
Mein Dank gilt gleichzeitig der Kunststiftung NRW, namentlich ihrem Präsidenten Dr. Fritz Behrens und der Fachbereichsleiterin Literatur Dagmar Fretter, deren Anerkennung des literarischen Übersetzens sich ja keineswegs auf die Ausschüttung von Preisgeldern beschränkt, was allein schon Anlass genug für Lob und Dank wäre. 
Dank sei Dr. Regina Peeters und Claus Sprick vom Europäischen Übersetzer-Kollegium und Melissa Jacobson-Velandia für die Zwischentöne – ein passenderer Ort und ein schönerer Rahmen für diese Preisverleihung sind kaum vorstellbar.
Zu danken habe ich weiter ganz unterschiedlichen Menschen, die mir, jeder auf seine Weise, ermöglicht haben oder immer noch ermöglichen, mich freud- und angstvoll zugleich in die Übersetzerei zu stürzen. Ich danke für erste Ermutigungen und zutrauliche Schubser ins Literaturübersetzen Swetlana Geier für ihren Brief, Andreas Tretner, Anna Schibarowa und der gesamten Mannschaft der fulminanten Deutsch-Russischen-Übersetzerwerkstatt in diesem Hause im Juli 2006, meinem 2003 verstorbenen Onkel Hans Hermann, Übersetzer aus dem Amerikanischen, dessen Verbundenheit zu diesem Haus und dem VdÜ ich immer noch und immer wieder entdecke. Martin Pollack danke ich fürs unermüdliche Trommeln für die belarussische und ukrainische Literatur, das auch hierzulande Ohren und Türen für Viktor Martinowitsch und Paranoia geöffnet hat. Dank sei den Verlegern Leif Greinus und Sebastian Wolter alias Voland & Quist, für ihr Herzblut, für ihren Wagemut, sich auf vermeintlich kleine Literaturen und Autoren mit unaussprechlichen Namen einzulassen und überzeugt für ihre Titel zu streiten. Danken für ihre anregenden Texte will ich meinen Autoren Alhierd Bacharevič, Viktor Martinowitsch, Aleś Razanaŭ, Alexandra Litwina, Marcin Szczygielski und Ziemowit Szczerek (merken Sie sich diesen Namen, auch wenn Sie ihn nicht aussprechen, geschweige denn buchstabieren können!) sowie für ihre starken Kinderbücher den Illustratoren Aleksandra Mizielińska, Daniel Mizieliński, Piotr Socha und Anna Desnizkaja. Danken muss und will ich den institutionellen wie individuellen Förderern, von deren Stipendien, Preisen und Werkstätten ich profitieren durfte, namentlich den Übersetzerhäusern in Straelen und Looren, dem Freundeskreis Literaturübersetzer, der Sächsischen Kulturstiftung, dem DÜF und immer wieder Thomas Brovot. Dank sei den wunderbaren Leipziger Kolleginnen Roberta Gado und Maria Hummitzsch für das freundschaftliche wie professionelle Miteinander bei der Organisation des Übersetzerzentrums auf der Buchmesse und darüber hinaus. Dank sei meinen Eltern, die mich schon in jungen Jahren aus dem Schwarzwald in den ihnen (und auch mir damals noch) fremden Osten Europas ziehen ließen und auf deren Zutrauen ich bis heute bauen darf. Danke meiner Frau Sabine fürs vertrauensvolle Machenlassen bei allen Unwägbarkeiten, die die freie Übersetzerei mit sich bringt. Fürs geduldige Ertragen meiner Rückzüge ins Gehäuse und, nicht weniger wichtig, fürs immer wieder Rausholen. Danke unseren drei Kindern für ihr Dasein, die Vertreibung der Stille aus dem Kämmerlein und für die gemeinsame Zeit fernab des Bildschirms.

Um abschließend nochmals auf das um zurückzukommen, will ich Ernst Jandl danken, aus dessen „kleinerer ansprache an ein größeres publikum“ ich die Eröffnung meiner Dankesrede geklaut habe. Um nun nicht auch noch mit Jandls Ernst zu enden, ende ich, dem Groschen gespannt beim Fallen zuhörend, mit Freud.