
Grußwort Christiane Körner
O Glasränder auf dem Steintisch!
Zu Olga Radetzkajas Übersetzung von Viktor Schkolwskijs „Sentimentale Reise“
„Sentimentale Reise“ heißt der Text von Viktor Schklowskij, für dessen Übersetzung wir Olga Radetzkaja mit Freuden den Straelener Übersetzerpreis zugedacht haben. Auf eine Reise hat sie sich tatsächlich begeben, auf eine schwindelerregende Fahrt in katastrophalen Zeiten: Schklowskij berichtet subjektiv, immer als Involvierter, von Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Sentimental aber ist nichts an diesen Memoirentexten. Sie sind direkt und schonungslos, ihre Sprache ist von einer seltenen Sprödigkeit, ja Ungefälligkeit.
„Zum Erhängen benutzten sie die Laternen entlang der Hauptstraßen.
Sie knüpfen einen auf und lassen ihn hängen.
Kinder kommen auf dem Heimweg von der Schule vorbei und scharen sich um die Laterne. Da stehen sie dann.“
Diese Kargheit ist große Kunst. Wie Olga Radetzkaja uns jede Glättung und damit Erleichterung verwehrt und in ungeheurer Konsequenz und Disziplin der geradezu schrecklichen Lakonie des Textes folgt, ist meisterhaft. Ein Text von solcher sprachlichen Härte und Knappheit erfordert höchste Präzision und sicherlich ein langes Feilen an diesen gleichsam schmiedeeisernen Sätzen.
Hartes Metall ist überhaupt eine Art Leitmotiv in Schklowskijs Erlebnissen. Als Fahrlehrer, als Ausbilder, als kämpfender Soldat repariert er Autos, gerät in Kugelhagel, transportiert Kanonen, experimentiert mit Zündern – alles dies verlangt nebenbei, ebenso wie die vielen politischen Hinweise im Text, eine übersetzerische Genauigkeit auch auf der Ebene von Sachwissen.
Umgeben sind Schklowskijs Eisen-Sätze von viel Leere: Der Text ist oft seitenlang so strukturiert, dass nach jedem Satz ein Absatz folgt. Und in dieser Leere schwingt und rauscht es, von sausendem Fahrtwind oder von sirrenden Kugeln, vor allem aber von Mitgedachtem, aber Ungesagtem.
Und hier, so stelle ich mir vor, in diesem Luftraum, nimmt all das seinen Ausgang, was aus Schklowskijs Bericht ein Kunstwerk macht: der Funken, der Sprung, die Eigenwilligkeit des Subjektiven, die Menschlichkeit, die mehr zwischen den Zeilen als in ihnen zum Ausdruck kommt. Und die von Olga Radetzkaja punktgenau übertragene Ironie, die im Zusammenbinden des Paradoxen das Traumatische sagbar macht.
„Die Bewohner von Teginka ertrugen uns (Soldaten) geduldig.
Sie setzten uns Fleisch und Sahne vor, Schweinefleisch. Hätten sie gekonnt, dann hätten sie lieber uns den Schweinen vorgesetzt.“
Und aus der vibrierenden Leere stammt auch das, was in Olga Radetzkajas Übersetzung den Sprung vom großartig Handwerklichen zum Wunderbaren ausmacht, die Stellen, an denen die deutsche Sprache sich erweitert, neue Wege beschreitet.
„Die Stadt schwirrte, es gab viele Restaurants.“
Oder:
„Es war still, sonnig und hungrig, sehr hungrig.“
Voltaires Wendung „In Ketten tanzen“, die als Titel eines Sammelbandes zur Kunst des Übersetzens (Hg. von Gabriele Leupold und Katharina Raabe) mittlerweile zum geflügelten Wort für uns Kollegen geworden ist, scheint mir sehr spezifisch auf Olga Radetzkajas Übertragung von Schklowskijs dokumentarischer Prosa zuzutreffen: da sind die Ketten sachlicher Lakonie, und da sind die so leicht wirkenden Übersetzungsschritte, die Schwünge in die Luft, die Salti mortali der Wortkunst.
In der finnischen Emigration sehnt Schklowskij sich nach den Gesprächsrunden mit Freunden bei Tisch und leistet sich, eine große Seltenheit im Text, einen Gefühlsausbruch:
„O Glasränder auf dem Steintisch!“
Wir danken Dir, liebe Olga, für Deine fantastischen zarten, kaum spürbaren und doch ausschlaggebenden Glasränder auf dem steinernen Tisch Deiner Schklowskij-Übersetzung und gratulieren Dir sehr herzlich!