
Danksagung Dr. Brigitte Döbert
Sehr geehrte Frau Dr. Sinnreich, sehr geehrte Frau Dr. Bremer, sehr geehrter Herr Sprick und Herr Dormagen, verehrte Anwesende, liebe Familienmitglieder und Freunde und Freundinnen!
Ein kinderloser Pope fühlt sich in der fiktiven slawonischen Kleinstadt Grunt intellektuell unterfordert und verfasst 1828, angeregt vom zehn Jahre zuvor in erster Auflage erschienenen serbisch-lateinisch-deutschen Wörterbuch des Vuk Stefanović Karadžić, seine eigenen, sehr eigenwilligen Begriffsbestimmungen.
Einhundertfünfundvierzig Jahre später wird ein Autor den Autokraten in der Regierung zu aufmüpfig und erfolgreich und landet im Niemandsland des Ausgestoßenen, geht stunden-, tage-, wochen-, monate-, jahrelang durch Belgrad spazieren, vertieft sich in den Nachlass mehrerer Vorfahren und die absurdesten Fundstücke aus dem Antiquariat seines Vertrauens, ackert eine der vielen vielen späteren Auflagen des serbisch-lateinisch-deutschen Standardwerks von Vuk Stefanović Karadžić von A bis Sch durch, erleidet einen Geistesblitz, fängt an, seinem Ururgroßvater ein Wörterbuch in die Feder zu diktieren und stellt damit und mit den sich allmählich formierenden weiteren Kapiteln eines neuen Romans ganz allgemein die Bevormundung auf den Kopf, die Bevormundung durch all jene, die sich ungefragt als Tutoren gerieren, trifft eines schönen Tages, natürlich beim Spaziergehen, seinen früheren Verleger, der das Husarenstück 1978 veröffentlicht.
Noch einmal zehn Jahre später lebt eine deutsche Philosophiestudentin in Jugoslawien überwiegend von Honoraren, die ihr eine Philosophiezeitschrift in Zagreb für die Übersetzung philosophischer Aufsätze zahlt, nutzt dafür aber so gut wie nie das serbisch-lateinisch-deutsche Wörterbuch eines gewissen Vuk K., das ihr der Freund, wegen dem sie Serbokroatisch lernt, antiquarisch gekauft und geschenkt hat, was aber nichts hilft, weil sie sich bald danach, wenn auch nicht deshalb, von ihm trennt, zwar wegen eines gerade erst angetretenen Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes noch ein ganzes Jahr in Belgrad bleibt, aber dann an der Mainzer Uni fertig studiert und ihre zuletzt sehr flüssig daherkommenden Sprachkenntnisse fast vollständig vergisst, während der Halbleinen-Karadžić im Regal einstaubt.
Die drei mit diesen Ereignissen angesponnenen Fäden wirkten anfangs nicht sehr belastbar, und doch ist der Stoff, den wir hier und heute feiern, daraus gewebt. Sie hätten leicht reißen können, die drei Fäden, jeder einzelne hätte reißen können, aber es ist keiner gerissen, ein jeder hat es zu etwas gebracht, aus jedem ist was geworden, aus der Keimzelle des Romans ein Roman, aus dem jugoslawischen Autor ein weltläufiger Schriftsteller, aus der Philosophiestudentin eine versierte Übersetzerin, und als die drei Fäden zusammenkamen, wurden sie – Tutoren.
Dass sie zusammenkamen, ist schon erstaunlich. Denn der Pope hat in Wahrheit kein Wörterbuch geschrieben, der Autor hätte gar nicht schreiben gedurft, und die Übersetzerin hatte nie vor, aus dem Übersetzen ihren Broterwerb zu machen. Es bot sich in einer bestimmten Lebensphase an, Bücher zu übersetzen, und dann blieb es dabei. Es blieb dabei, viel später erst wurde mir klar: Ich bleibe dabei. Literaturübersetzerin zu sein war eine sehr spät bewusst angenommene Entscheidung, war keine bewusst getroffene Entscheidung, und es ist wahrscheinlich gerade deswegen eine gute Entscheidung, eine Entscheidung, der lange etwas Vorläufiges anhaftete, die ich für revidierbar hielt, aber nie revidiert habe, weil sie sich, und letztlich sogar finanziell, als tragfähige, mir entsprechende Entscheidung erwies. Erleichtert hat mir die Entscheidung, dass dank der Rührigkeit des VdÜ, durch Initiativen wie die Weltlesebühne und andere öffentlichkeitswirksame Formate in puncto Selbstverständnis und Arbeitsbedingungen von Literaturübersetzern viel in Bewegung gerät.
Daran haben die in den letzten zwanzig Jahren gestifteten Übersetzerpreise, allen voran beide Übersetzerpreise der Kunststiftung NRW, erheblichen Anteil, sie machen nicht nur Übersetzer glücklich, sie sind im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn eine Wertschätzung unserer Arbeit, die diese massiv aufwertet. Ich möchte der Kunststiftung NRW mit großem Nachdruck dafür danken, dass sie auf diese Weise Aufmerksamkeit für eine Tätigkeit in den Kulissen des Kulturbetriebs schafft. Danken dafür, dass sie mir persönlich einen strahlenden Höhepunkt meiner Laufbahn beschert und dem Berufsstand insgesamt Auftrieb gibt.
In den Tutoren ist es die nächste Generation, die nach hundert Seiten Wörterbuchnovelle der Geschichte Auftrieb gibt, die mit Bauernregeln und Reimen klappernd und knarrend Fahrt aufnimmt, sich keuchend und stampfend zu Dampflokhöchstgeschwindigkeit steigert, atemlos als Comic-Rakete und Straßenbahnlinie 2 durchs zwanzigste Jahrhundert schießt und klingelt, bis schließlich 1977 mit dem juristisch verdreckselten Schreibverbot die Klappe fällt, denn dass der 1828 kinderlose Pope doch noch drei Söhne kriegt, erfahren wir von Katharina, die mit einem der drei verheiratet ist und uns erzählt, dass dem alten Theodor rennendes Grünzeug und redende Vergissmeinnicht erscheinen und er im Wahnsinn durch die Küche kriecht, und da fühlt sich die Übersetzerin ein wenig angesprochen, denn auch sie kriecht, ja, robbt, und mitunter durchaus am Rande des Wahnsinns laborierend, durch den Originaltext, Literaturübersetzer sind ja die langsamsten Leser der Welt, keiner liest langsamer, stockender, stutzender, frustrierter, angespannter, lauernder als sie, und wahrscheinlich halten wir nur deshalb durch, weil wenig so intensiv ist, wie wenn wir eine richtig harte Nuss knacken, eine funktionierende Lösung, ein passendes Wort finden, wenn der Groschen fällt, wir Bezüge sehen und nach längerem Grübeln eine Vorstellung entwickeln, wie die sich im Deutschen elegant und unauffällig herstellen lassen.
Für mich wenigstens ist das neben dem Erwerb von Subsistenzmitteln der eigentliche Lohn, dieser Jubel, der in mir aufsteigt, wenn mir eine Formulierung gelingt, eine Konstruktion imponiert, mehrschichtige Anspielungen einfallen; oder dieses tastende Probieren – so vielleicht?, oder besser so?, nein, so!, aber nicht doch, lieber so, ach was, noch mal ganz anders, ja so! –, wenn das in Gewissheit umschlägt, das ist einfach schön, oder das Kichern, wenn mir ein Scherz, ein Wortspiel, ein Husarenstück glückt, wenn mir, den Schalk im Nacken, die Pferde durchgehen und ich drauflos fabuliere und dadurch in einen Sog gerate, in dem ich nicht mehr suche und taste, sondern schreibe und schreibe und Strecke mache und in einem zweiten Durchgang ohne die geringste Wehmut das meiste wieder zurücknehme und zusammenstutze, weil das, was übrigbleibt, sitzt, weil es ohne den Parforceritt nicht zu haben gewesen wäre, weil ich über das Ziel hinausschießen, es mir von der anderen Seite ansehen muss, damit ich die richtigen Worte dafür finde. Und das, was bleibt, bleibt. Das ist berauschend, das bläst die Einsamkeit vor dem Rechner fort und verleiht den Kämpfen mit verkrampften Muskeln und Hirnwindungen, streikenden Augen, schmerzenden Handgelenken und vom Tippen überempfindlichen Fingerkuppen Sinn. Auch wenn ich diesen Jubel selten mit anderen teilen kann.
Diesmal ist das anders. Es ist ein herrliches Gefühl, wahrgenommen zu werden, die eigene Arbeit gewürdigt zu sehen, sie geschätzt zu wissen, dafür geehrt zu werden, gefeiert zu werden, mit Ihnen und euch allen feiern zu dürfen, und ich danke allen, die das Ihre dazu beigetragen haben, ich danke allen voran Blanka Stipetić, ohne deren sprachlichen und seelischen Beistand ich dieses Mammutwerk nicht durchgehalten hätte, ich danke Dr. Sabine Baumann, ohne deren Zuspruch und wunderbares Lektorat ich aufgeschmissen gewesen wäre, ich danke dem Verleger Klaus Schöffling, ohne dessen Hartnäckigkeit und Leidenschaft es niemals zu dieser Übersetzung gekommen wäre, ich danke dem Autor, von dem ich mir noch viele weitere kopfzerbrechende Bücher erhoffe, ich danke meiner Familie, die sich fast vollzählig auf die Socken gemacht hat, um heute Abend dabei zu sein, meiner Mutter vor allem, ohne die ich hier ja nicht stünde, und es gäbe noch sehr viele Menschen und Institutionen – die Jury mit allen Mitgliedern, der Deutsche Literaturfonds, Dr. Regina Peeters vom EÜK, überhaupt dieses Haus, dem ich vom Anfang meiner Selbstständigkeit an viel verdanke –, und ich würde am liebsten alle nennen, zum Glück wissen alle, warum das nicht geht, darum ein letztes Mal: Ich danke allen von Herzen. Herzlichen Dank.