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FRIEDRICH DIECKMANN - THOMAS RESCHKE ZU EHREN

 

 

Herr Ministerpräsident, meine Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen,

 

- ich leere meine Regale von den Büchern, in denen (auf der Titelrückseite ganz klein) "Aus dem Russischen von Thomas Reschke" oder (auf der Titelseite ziemlich groß) "Deutsch von Thomas Reschke" oder (die Varianten sind zahlreich) "Aus dem Russischen übersetzt von Th. R." steht, türme sie übereinander und zücke die Meßlatte, auch Schmiege oder Zollstock genannt (wie mag das auf Russisch heißen: djujmówaja linéjka, djujmówyi maßschtab oder skladnaja linejka?) - tatsächlich, der Turm bringt es auf 63 Zentimeter. Das älteste dieser Bücher, mit dem von Harald Metzkes gezeichneten farbigen Umschlag, stammt von 1968 und heißt - es wird Sie nicht wundern - "Master i Margarita", "Der Meister und Margarita"; unter dem Übersetzernamen steht eine Herkunftsangabe, die in der Verlagsgeschichte des Übersetzens möglicherweise einzigartig ist, es steht dort: "Aus: MASKWA 11/66 und 1/67".

 

 

Das bedeutete, daß es dieses Buch auf Russisch noch gar nicht gab, sondern das Original lediglich als ein Fortsetzungsabdruck in der Zeitschrift "Maskwá" veröffentlicht war, dessen Angabe das deutsche Buch, dem jeder Copyright-Vermerk fehlte, gleichsam autorisierte.

 

 

"Der Meister und Margarita", das ist die Basis meines Reschke-Turms, ganz oben aber, mit der Jahreszahl 2000, liegt der satirische Roman "Zwölf Stühle" von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow aus dem Jahr 1928. Da dieses Buch zwei Autoren hat, will es nur recht und billig erscheinen, daß auch der Übersetzer zwei sind: Renate und Thomas Reschke. Wie es heute um die Lage des Übersetzers und der Verlage, die seine Texte drucken, steht, gibt der Rücktitel dieses Buches mit vielen kleinen Buchstaben zu erkennen, die uns erläutern, daß die Übersetzer eine Förderung des Deutschen Literaturfonds in Anspruch nehmen konnten und der Verlag eine des Literarischen Colloquiums Berlin "mit Mitteln des Auswärtigen Amtes und der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin". Übersetzen, das ist heute, wenn es sich um keine marktgängigen Titel handelt, zur Staatsangelegenheit geworden, jedenfalls in finanzieller Hinsicht, - und damals, anno 1968 in DDR-Berlin? Damals war der Übersetzer des weithin unbekannten sowjetrussischen Romans Verlagsangestellter und bezog ein bescheidenes, aber unumstößliches Gehalt.

 

 

Ist der satirische Roman von Ilf und Petrow die bisher letzte veröffentlichte Arbeit von Thomas Reschke, so war die Bulgakow-Übertragung von 1968 keineswegs seine erste. Der da mit sechsunddreißig Jahren sein Meisterwerk vorlegte, das ihn alsbald nicht nur bekannt, sondern nachgerade berühmt machte, in eigentümlicher Symbiose mit einem Autor, den er auf den Schultern seiner Übersetzung in die Halle des Weltruhms getragen hatte - dieser jugendliche Übersetzer war bereits ein reifer Meister, als ihm ein eminenter Lektor, Ralf Schröder, diesen Text anvertraute. Schon 1957 war seine erste Übersetzung in einem Verlag erschienen, der damals noch Kultur und Fortschritt hieß und sich dann zu Volk und Welt - auch dies eine hoffnungsvolle Wortverbindung - umbenannte; er war mit einer heute kaum noch vorstellbaren Kontinuität Reschkes Arbeitsstelle bis zum Umbruchjahr 1990, als die deutsche Einheit als nicht sowohl freier denn besetzter Markt über die ostdeutsche Verlagslandschaft hereinbrach.

 

 

Von diesem Früh-Werk, der "Goldenen Rose" von Konstantin Paustowski, bis zu "Dwenadzatj stuljew" im Jahre 2000 sind es, zum Turm geschichtet, natürlich weit mehr als dreiundsechzig Zentimeter. Ich müßte, um mit meiner djujmówaja linéjka das rechte Maß zu nehmen, schon in Reschkes eigene Wohnung in Berlin-Pankow gehen und dort die Regale leeren - in eine Wohnung, die nicht groß ist und voll der seltensten Wörterbücher, Lexika, Nachschlagwerke steckt; sie reichen von Vollmers "Mythologie aller Länder und Zeiten" bis zu einem "Lexikon der tausend Schnäpse" - tausend russischer Schnäpse natürlich. Das Sprach-Werk, das von seiner Hand, aus seinem Geist gewachsen ist, mag ihm inzwischen selbst kaum übersehbar sein: die Fülle dessen, was er im Lauf von mehr als vier Dezennien aus dem Russischen ins Deutsche hinübergetragen hat, als ein Fährmann, der, an beiden Ufern zu Haus, das anvertraute Gut treulich über die Wasser führt, wobei es sich wie durch Zauberhand verwandelt. Indem es bleibt, was es ist, wird es, in der andern Sprache, etwas Neues und Eigentümliches, zu selbständigem Leben Bestimmtes.

 

 

Unlängst erzählte ich einer Venezianerin, die, in Berlin unterrichtend, in zwei Sprachen, dem Italienischen und dem Deutschen, zu Hause ist, von dieser in Straelen bevorstehenden Preisverleihung, und sofort fiel ihr bei Reschkes Namen "Der Meister und Margarita" ein. "Das liest sich gar nicht wie übersetzt", sagte sie und fügte hinzu, in italienischer Übersetzung sei das ein völlig anderes und lange nicht so eindrucksvolles Buch. Eine Übersetzung, die sich nicht wie eine Übersetzung liest - ein stärkeres Lob läßt sich nicht denken für den, der eine solche Eingemeindung eines Textes in eine andere, seine eigene Sprache unternimmt. Ich weiß wohl, es gibt eine Richtung, die es anders meint und es, auf Hölderlin und Borchardt blickend und mit Benjamin und Rudolf v. Pannwitz gerüstet, für das Höchste hält, wenn es gelingt, die Beschaffenheit und Struktur der Originalsprache in der Übersetzung als ein Moment der Verfremdung gleichsam durchscheinen zu lassen.

 


Das Verfahren, wenn es nicht bloß ambitioniert, sondern dichterisch durchpulst ist (Werner v. Koppenfels hat unlängst mit Grund auf der "kritischen Unterscheidbarkeit von defizienter und kreativer Sprachverfremdung" insistiert), hat Sinn und Recht auf dem Feld der Lyrik, des Versepos und des Versdramas. In jener Sphäre, die seit je die der Reschkeschen Arbeit ist, dem epischen Raum des Romans, der Erzählung (und ich bin an dieser Stelle versucht, das fast verschollene Epitheton "realistisch" hinzuzusetzen), würde sie den Translator auf steilen Pfaden in die Irre führen, und wem das bei der Lektüre Reschkescher Übertragungen, die solche ebenso entschiedener wie differenzierter Eindeutschung sind, nicht positiv offenbar wird, der kann sich an eine Autorität halten, die des Metiers aktiv und passiv inne war, als Leser und selbst als Übersetzer.

 

 

"Es gibt zwei Übersetzungsmaximen", schrieb Goethe 1813 in seiner Gedenkrede auf einen andern großen Übersetzer, Christoph Martin Wieland, "die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns herübergebracht werd, dergestalt daß wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, daß wir uns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen. Die Vorzüge von beiden sind durch musterhafte Beispiele allen gebildeten Menschen genugsam bekannt. Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden bemüht, doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor."

 

 

Unser Freund - das meint Wieland, den Dahingegangenen, und es meint Reschke, den preiswürdig vor uns Stehenden. Deutschland, das andern Kulturen so wohlgesinnte Land, ist von jeher das Land der Übersetzer und der Übersetzungen gewesen; schon die Tatsache, daß die deutsche Hoch- und Schriftsprache ihre Grundlegung einer Übertragung verdankt, der Bibelübersetzung Martin Luthers, ist dafür kennzeichnend.

 

 

Auf ihre Weise übersetzungsversessen war die große Zeit der deutschen Literatur im späteren achtzehnten, frühen neunzehnten Jahrhundert; kaum einer ihrer Autoren, der nicht auch übersetzt hätte. Unter den Auspizien der Spezialisierung ist im Lauf der Zeit aus dem Übersetzer ein eigener schriftstellerischer Beruf geworden, der es in jener pädagogischen Provinz, die sich Deutsche Demokratische Republik nannte, zu ausgeprägtem Qualitätsbewußtsein und eindrucksvoller Standesvertretung brachte.

 

 

Thomas Reschke verkörpert diesen Beruf mit einer Kompetenz, der einige der wichtigsten russisch schreibenden Autoren dieses Jahrhunderts ihr Leben im deutschen Sprachraum verdanken. Jeder kennt seine Bulgakow-Übertragungen, von denen "Der Meister und Margarita" nur den Anfang machte; bis in die letzten Jahre hat er mit seiner Frau an der Gesamtausgabe dieses eminenten Autors gearbeitet, die vor dem Untergang des Verlags, der sie trug, noch fertig geworden ist. Aber Bulgakow ist nur ein Autor von vielen, die dieser Übersetzer mit der Milch der deutschen Sprache genährt hat. Pasternak und Bykau, Kim und Wesjoly, Soschtschenko und Pristawkin, Tynjánow und Okudshawa, Jewtuschenko und Tendrjakow, Samjatin und Wampilow - an alle diese und manch andere hat er seine zwiefache Sprachkunst gewandt.

 

 

Von Gogol bis zu jenen Heimlichen Märchen, die 1983 in grünem Leder und winzigem Format das Licht der Buchwelt erblickten, reicht das Spektrum, und wer keinen Strahl davon eingefangen hat, da die Auflage zu klein war oder der Leser - ich sage es im Blick auf eine vergangene Buchhandelswelt - die persönlichen Beziehungen zur Buchhändlerin nicht genug gepflegt hatte, von dem kann man sagen, was Schiller in die lyrische Wendung faßte: Er stehle weinend sich aus diesem Bund.

 

Doch hat er in einem Buchhandel, der längst dem entgegengesetzten Extrem anheimgefallen ist, dem eines sich selbst blockierenden Überangebots, noch manche Chance und kann, beispielsweise, eine von Reschkes neueren Arbeiten, die Übertragung von Friedrich Horensteins 1200-Seiten-Roman "Der Platz", auf dem vereinigten deutschen Buchmarkt erstehen, ein Gemeinschaftswerk, das Thomas Reschke, wie vieles andere in den neunziger Jahren, mit seiner Frau Renate zusammen geschaffen hat. Wir denken sie uns in diesen Preis mit einbegriffen, der, so persönlich er gemeint ist, darüber hinaus und wie stellvertretend einer ganzen großen Kulturlandschaft des Übersetzens gilt, von deren Verlagen kaum noch einer existiert.

 

 

Nach Umfang und literarischer Qualität seines Werkes zählt Thomas Reschke zu den bedeutendsten deutschen Übersetzern der Gegenwart; in einem vierzigjährigen Wirken hat er weit über hundert Romane, Erzählungen, Kinderbücher und Theaterstücke mit einer Meisterschaft übersetzt, die zum Gütesiegel für die durch den Leser oft erst noch zu entdeckenden Autoren wurde; für die Prägnanz der Diktion, die Lebendigkeit der sprachlichen Aneignung geben seine Verdeutschungen immer neue Beispiele. Aber die Wirksamkeit dieses Autors ist nicht auf die Arbeit an deutscher Prosa im Dienst der russischen Literatur beschränkt geblieben.

 

 

Im Januar 1990 stand seine Wahl in das Ost-Berliner PEN-Zentrum am Beginn einer neuen Ära in diesem Autoren-Club, der mit der demokratisch-revolutionären Umgestaltung der DDR (und ihr teilweise vorgreifend) zu einer wesentlichen Erneuerung angesetzt hatte. Reschkes Wahl ins Präsidium des Deutschen P.E.N.-Zentrums mit dem Zusatz Ost markierte 1993 eine weitere Etappe auf dem Weg einer unspektakulären, aber nachhaltigen Pjerestrojka, an deren Glasnostj-Seite er spezifischen Anteil nahm, als er 1994 mit drei Kollegen überdies in den Ehrenrat des Zentrums gewählt wurde. Die Art und Weise, wie er diesem Amt gerecht wurde und dies einer wenig hörbereiten Öffentlichkeit zu vermitteln wußte, hat wesentlich dazu beigetragen, dem deutschen PEN-Wesen den Weg zur Wiederherstellung eines gesamtdeutschen Zentrums zu weisen, wie es bis 1951 bestanden hatte und damals, in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges, nicht an ostdeutscher Kulturpolitik zerbrochen war.

 

 

Jener vaterländische Orden, der Bundesverdienstkreuz heißt - trägt er ihn nicht gar am Bande? -, ist Thomas Reschke, so denke ich mir, auch für diesen Einsatz verliehen worden, dessen Mühsal ihm oft den Schlaf geraubt hat.

 

 

Er, der mit der DDR - und das soll keine leichtfertige Redensart sein - nie etwas am Hute hatte, außer daß er dort vierzig Jahre lang lebte und arbeitete, hätte es sich leicht machen und in den westdeutschen Club überwechseln, dann womöglich auch diesen verlassen und in jene erhabene Exklusivität eintreten können, die die mediale Öffentlichkeit damals hoch honorierte. Aber Thomas Reschke, der Danziger, dem der Raubkrieg des deutschen Imperialismus sein Heimat nahm und als Zwölfjährigen nach Mecklenburg, in das höfisch-barock geprägte Ludwigslust, verschlug (dort hat er gerade sein goldenes Abitur mit Schulgenossen gefeiert, die ihm, dem Flüchtlingskind, das Leben damals nicht eben leicht gemacht hatten), der dann 1951, aus dem Schulkäfig der Provinz ins Freie einer zweigeteilten Hauptstadt tretend, an der Berliner Humboldt-Universität das Slawistik-Studium aufnahm und sich von allen diesen Herkünften das Beste zueignete: aus Berlin Nüchternheit und Weltoffenheit, aus Mecklenburg Hartnäckigkeit und Bodenständigkeit, aus Ostpreußen Geradlinigkeit und Vitalität, - Thomas Reschke ist keiner, der sich drückt, wo man ihn braucht und wo es auf ihn ankommt.

 

 

Er hielt einem Club die Treue, in den er gerade erst hineingewählt worden war, und leistete im Bergwerk der Komplikationen eine Arbeit, die dazu beitrug, daß jene Mechanik des Abwickelns, einer korporativen Entmündigung, die dem Prozeß der deutschen Einheit vielerorts Schaden zugefügt hat, auf einem besonderen Feld durchbrochen wurde.

 

 

Seine Aufnahme in den westdeutschen PEN-Club im Jahre 1996, zwei Jahre vor der institutionellen Vereinigung, war eine Würdigung der Arbeit, die er sub specie unitatis geleistet hatte; auf beiden Seiten war er zum Vorreiter der Erneuerung geworden. Daß dergleichen nicht ohne Kämpfe, ohne Anfechtungen abgeht, hat er, keineswegs entmutigt, in beiden deutschen Literatur-Zonen erfahren; so wenig er sich den Dogmatikern der alten Zeit hatte fügen wollen, so wenig ließ er sich von neuen Arten der Rechthaberei beeindrucken.

 

Er hat in dieser Zeit immer wieder auch journalistisch das Wort genommen und hat es erst jüngst wieder getan, in seinem Nachruf auf einen Mann, dem nicht nur er, sondern eine ganze verschworene Schar kompetenter Übersetzer Entscheidendes zu verdanken hatte: dem Slawisten Ralf Schröder, der als leitender Lektor bei Volk und Welt wesentlichen Anteil daran hatte, daß die dort tätigen Russischkundigen allzeit unmittelbaren Kontakt zu ihren Autoren in Moskau und Leningrad hielten und auf dem Laufenden nicht nur der literarischen Entwicklung blieben. Thomas Reschke hatte diesen Kontakt in ganz besonderem Maß; seine Erzählungen, wenn er allherbstlich von solchen Reisen zurückkam, lieferten allemal tiefe Einblicke in die Befindlichkeit eines Landes, dessen gesellschaftlicher und politischer Beschaffenheit er früher als andere keine Chance der Erneuerung gab.

 

 

Daß aus einer früh von ihm diagnostizierten Krise unversehens die Chance der deutschen Staatsvereinigung hervorgehen würde, hat ihn dann ebenso wie uns alle überrascht und überwältigt. Als ich ihn einmal fragte, wie er die Nacht zum 3. Oktober in Berlin verbracht habe, erzählte er mir, daß jener Moment, da er im Fernsehen das Fahnenaufziehen an dem neuerrichteten Stahlmast vorm Reichstagsgebäude erblickte, ihn aus dem Sitz gehoben habe; das Bewußtsein habe ihn überwältigt, daß in diesem Augenblick der Krieg zu Ende gegangen sei. Er war neun Jahre alt gewesen, als dieser Krieg in seiner Danziger Heimat ausbrach, er war dreizehn und in der sowjetischen Besatzungszone in Sicherheit, als das Morden endete, und er war siebenundfünfzig, als für das ganze 1945 verbliebene Deutschland ein Frieden Wirklichkeit wurde, der seinem westlichen Teil schon seit langem zuteil geworden schien. Zwischendurch hatte er das Friedvoll-Vernünftigste und Sinnreich-Schönste getan: als ein getreuer Übersetzer die russische Literatur dieses dramatisch bewegten Jahrhunderts ins Deutsche hinüberzutragen.

 

 

Es gehört zu den Paradoxien einer persönlichen wie der allgemeinen Geschichte, daß ein Ereignis, das wir uns in kühnen Träumen allenfalls als ein langwieriges hatten vorstellen können, eintretend dazu führte, daß mit der sowjetsozialistischen Gesellschaft auch ein Bezugsrahmen verschwand, der dem deutschen Leser der kritisch-realistischen sowjetischen Literatur - sie war es, die er in Reschkes Übersetzungen gefunden hatte - ein besonderes Interesse hatte entgegenbringen lassen; immer wieder war ja die Literatur des großen Landes der des kleinen einheimischen an Realitätsbewußtsein vorangegangen. Die Ambivalenz von Wunscherfüllungen umsteht dieses Zugleich von Gewinn und Verlust oder, minder psychologisch ausgedrückt: Was einem Umbruch vorfühlt, tendiert dazu, selbst in seinen Strudel zu geraten.

 

Thomas Reschke aber ist ein kräftiger Schwimmer, im Strudel selbst behält er den Kopf oben, zerteilt die Wellen und bekommt, an Land steigend, wohl gar einen Lorbeerkranz aufs Haupt gedrückt.

 

 

Temperament und Humor, Nuanciertheit und Wahrheitssinn - dies alles und vieles mehr macht ihn, über sein literarisches Mittlerwerk hinaus, zu einer markanten Gestalt des literarischen Deutschlands. Der Preis, den er heute erhält, ist nicht der erste, der seine Arbeit würdigt. Die Akademie der Künste der DDR hat ihn 1975 mit ihrem nach F. C. Weiskopf benannten Übersetzerpreis geehrt, und 1981 erkannte der sowjetische Schriftstellerverband ihm den Maxim-Gorki-Preis zu; mit dem Bundesjugendliteraturpreis ehrte ihn 1991 die gesamtdeutsche Literaturszenerie. Aber dieser Straelener Preis, der heute zum ersten Mal verliehen wird, in früher Morgenstunde durch keinen Geringeren als den Ministerpräsidenten des Landes, in dem dieses vorbildliche Institut Wurzeln geschlagen hat, ist wie die Krönung eines Lebenswerkes, auf dessen tätige Fortsetzung seine Leser, seine Kollegen, seine Freunde bauen; sie alle bringen ihm Glückwünsche dar.