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György Dalos

Laudatio auf Terézia Mora

 

 

Meine Damen und Herren,

 

erlauben Sie, mir diese Laudatio mit der Bekanntgabe eines kleinen Geheimnisses zu beginnen: Im März 2000, also vor mehr als elf Jahren, hatte ich bereits das Glück, Lobesworte für unsere Preisträgerin von heute, Terézia Mora aussprechen zu dürfen Damals erhielt sie den Adelbert-von-Chamisso Fördererpreis der Bayerischen Akademie der Künste für ihren Erzählband "Seltsame Materie", eine Ehrung, welche fast nahtlos auf ihren Ingeborg-Bachmann-Preis folgte. Ich zitierte damals aus einem Gedicht, des ansonsten als Romancier und Essayist bekannten Sándor Márai, in dem dieser das traurige Schicksal der Exilungarn in der Metapher zusammenfasste: "In einem Bergwerk von Ohio rutscht deine Hand aus, / der Pickel schlägt dann zu und von deinem Namen fällt das Akzent herab." Die düstere Vorhersage ereilte selbst den Autor, dessen bereits damals bekannten Namen man im Westen häufig als "Marai" schrieb, ebenso wie der Name Kosztolányi noch lange selbst in seriösen Quellen oft als Kostolany erscheint, als ginge es um den berühmten Börsenmakler, von dem Lyriker Attila József gar nicht zu sprechen, dessen Vor- und Nachname mit jedem erdenklichen orthographischen Fehler und falsch ausgesprochen in das deutsche literarische Bewusstsein eingezogen war. Es dauerte auch ziemlich lange bis aus Peter Nadas Péter Nádas, aus Peter Eszterhazy Péter Esterházy, aus Györgi Konrad György Konrád wurde und die richtige Schreibweise von Imre Kertész verfestigte sich ebenfalls ungefähr zeitgleich mit seinem Nobelpreis.

 

 

Nun bei Terézia Mora fiel mir gleich auf, dass die begeisterten Rezensenten der "Seltsamen Materie" ihren Namen fast überall einwandfrei niedergeschrieben haben, was ich als symbolisches Zeichen für etwas Wundervolles und gleichzeitig Allernatürlichstes empfand: Eine Ungarin wächst in der Nähe von Sopron auf, kommt als freie Bürgerin nach Berlin kurz vor der deutschen Wiedervereinigung, nimmt ihre Erfahrungen und ihr geistiges Gepäck zollfrei in das neue Land mit und findet dort das Medium, in welchem sie ihren Stoff authentisch für die Leser dieses anderen Landes allgemeinverständlich vermitteln kann. Zweifelsohne hat dann in den darauf folgenden Jahren mit der Erscheinung der Romane "Alle Tage" und "Der einzige Mann auf dem Kontinent" eine deutsche Autorin von außergewöhnlichem Format die Bühne betreten. Gleichzeitig blieb aber Terézia Mora sowohl persönlich als literarisch mit tausenden Fäden an ihr Geburtsland gebunden. Als die wichtigste Brücke von hier nach dort erwies sich ihre bereits damals beginnende Übersetzertätigkeit, der ich aber anno 2000 gemäß dem Anlass, aber auch angesichts des noch wenig sichtbaren Ausmaßes keine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Schade, umso mehr als Terézia Moras erste Übertragungen von Texten ungarischer Autorinnen und Autoren in die Vorbereitungsphase zum Ungarnschwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse 1999 fielen, welche praktisch alle damaligen Dolmetscher unserer Literatur mobilisiert hatte.

 

 

Es sei mir erlaubt, hier etwas Persönliches zu sagen: Damals war es ein höchst angenehmes Gefühl, Ungar zu sein. Die Erwähnung unseres Landes in Deutschland und auf dem Westteil des Kontinents weckte überwiegend positive Assoziationen. Und die Hauptträgerinnen dieses günstigen Images waren Bücher. Hinter den mehr als hundert Titeln, mit denen wir als Gastland einen Höhepunkt der Präsenz ungarischen Schrifttums im deutschsprachigen Raum erreichten, steckte eine enorme Arbeit von Verlagen, kulturellen Institutionen und eben langjähriger Übersetzerinnen wie Ágnes Relle, Irene Rübberdt, Ilma Rakusa, Christine Schlosser, Zsuzsanna Gahse und die große Hildegard Grosche. Im Rahmen dieser Aktivität formte sich das Oeuvre von Terézia Mora als Vermittlerin ungarischer Literatur: Allein im Jahre 1999 erschienen die von ihr veröffentlichten Texte von Attila Bartis, Ádám Bodor, László Darvasi, Péter Esterházy, Péter Nádas; Lajos Parti Nagy, Dezső Tandori und Péter Zilahy in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften.

 

 

Das Debüt der "Seltsamen Materie" (1999) und den ersten großen Roman "Alle Tage" (2004) trennten fünf Jahre – man könnte meinen, eine nützliche Denkpause vor dem Formatwechsel. Allerdings erschienen in der Zwischenzeit zwei große ungarische Prosawerke: Esterházys "Harmonia Caelestis" (2001) und István Örkénys "Minutennovellen" (2002) aus Terézia Moras Feder oder Computer und da fast zeitgleich mit "Alle Tage" auch Parti Nagys "Meines Helden Platz" die deutsche Leserschaft erreichte (2005), müssen wir doch annehmen, dass die Entfaltung des Originalwerks parallel zu den Übertragungen lief. Ebenso musste die Arbeit an dem hervorragenden Neuling "Der einzige Mann auf dem Kontinent" (2010) zumindest teilweise analog mit dem Essay Esterházys "Keine Kunst" (2010) laufen. Dies wirft schon einige Fragen zur Natur der Übersetzertätigkeit auf. Wo steckt der Unterschied zwischen dem Schaffen eines eigenen und der Nachdichtung eines anderen Werkes, wie erlebt man das eine und das andere?

 

 

Für die Lyrik formulierte der Dichter und Übersetzer ungarischer Poesie Franz Fühmann, der allerdings mit Hilfe von in Prosa verfassten Linearübersetzungen arbeitete, das folgende Prinzip: "Die Übersetzung eines Gedichts ist ja nicht eine Sache zweier, sie ist eine Sache dreier Sprachen: der gebenden, der empfangenden und der Universalsprache der Poesie. Ein ungarisches Gedicht ist ja nicht einfach ‚Ungarisch‘, es ist Ungarisch und es ist ein Gedicht, und wenn das Ungarische ins Deutsche übersetzt ist, steht die zweite Übersetzung, die innerhalb des Deutschen noch aus". Ich glaube, Fühmann wollte mit dieser Theorie die Schwierigkeiten, welche sich aus der Unterschiedlichkeit der ungarischen und deutschen Reim- und Rhythmustechnik ergeben, einfach mit Hilfe einer imaginären "dritten Sprache" überwinden. Was ihm aber bei aller herausragenden Begabung misslang, war, sich das lyrische Ich ihm fremder Autoren anzueignen. Er selbst gab in seinen Briefen zu, eben diese Art von Hemmungen gegenüber Attila József gespürt zu haben. In diesem Kontext entsteht dann auch die bei uns weit verbreitete Annahme, einige Perlen unserer Poesie seien grundsätzlich unübersetzbar – sie haben eben keine äquivalenten Lösungen in anderen Sprachen. Wie ist das aber bei der Prosa und speziell bei Terézia Moras "ungarischen" Büchern? Ist in ihnen so etwas wie eine "dritte Sprache" zu erkennen?

 

 

Einerseits gilt für die Prosa die Forderung nach maximaler inhaltlicher und stilistischer Nähe zum Original. Andererseits wird dieses Ziel zweifelsohne mit den eigenen, höchst individuellen sprachtechnischen Mitteln des Übersetzers oder der Übersetzerin verfolgt, und beinhaltet notwendigerweise ein Element der Interpretation. Das, was bei der Lyrikübertragung die oft gescheiterte Identifizierung mit dem Lyrischen Ich des Originalverfassers ist, bedeutet im Rahmen der Übersetzung eines Prosatextes eine Art Rollenspiel – so gehört zur Übersetzung eines Romans fast eine Art darstellender Kunst. Besonders wenn es sich um dermaßen unterschiedliche Autoren handelt wie Esterházy und Örkény.

 

 

Ungarns Literaturwissenschaftler meinen den reichsten aktiven Wortschatz bei dem Romantiker Mór Jókai gefunden zu haben – sie sprechen von fünfzigtausend Worten. Ich wage zu behaupten, dass Esterházys Vokabular keineswegs ärmer ist. Hingegen kommt der Autor der "Minutennovellen" István Örkény mit kaum mehr Worten als sein gebildeter Leser aus. Esterházys unendlich erscheinende Monologe ironisieren sich selbst – nehmen wir nur die Auflistung der Familienschätze in der "Harmonia Caelestis" zum Beispiel. Hinzu gehören noch die zahlreichen so genannten "Gästetexte" meistens ohne Gänsefüßchen, welche für die kontextuelle Ironie sorgen. Bei Örkény finden wir nichts dergleichen. Seine Minutennovellen leben von der beinahe aphoristischen Kürze. Aber sie sind kein Aphorismen, sondern eben knapp erzählte und pointierte Geschichten, manchmal ganze Miniromane, und er operiert weniger mit kontinuierlicher Ironie als mit trockenem, philosophierendem Humor. Keine der beiden Erzählweisen gehört zu Terézia Moras Eigenheiten, dennoch findet sie für jeden Autor, jedes Buch eine eigene, dritte, vierte, fünfzehnte Sprache.

 

 

Ehrlich gesagt, hatte ich sowohl bei der "Harmonia caelestis" als auch bei den "Minutennovellen" Angst, dass eben Ironie und Humor trotz aller Anstrengung der Übersetzerin bei dem deutschen Publikum nicht gut ankommen würden. Dann aber hörte ich Terézia Mora selber lesen – Örkénys Texte in einem Frankfurter Kino während der Buchmesse – sie las übrigens auswendig! Und ich konstatierte überrascht, dass die Zuhörer an den richtigen Orten laut lachten. Vielleicht lag in der Art, wie sie die Texte vorlas, ein Stück Pädagogik, als hätte sie sagen wollen: "Liebe Deutsche! Wenn ihr Worte hört, die ursprünglich ungarisch lauteten, versteht sie bitte zunächst eins zu eins, steckt sie dann aber behutsam zwischen Gänsefüßchen!" Denn aus unserer wackeligen Existenz im 20. Jahrhundert ergibt sich fast als Postulat für Leben und Literatur: Nichts auf der Welt ist eindeutig! Unser Weinen ist zum Lachen, unser Lachen ist zum Weinen. Ungefähr so, wie in der von Terézia Mora übersetzten klassischen Örkény-Novelle "Information":

"Seit vierzehn Jahren sitzt sie hinter dem kleinen Schiebefenster in der Toreinfahrt. Man fragt sie immer nur zwei Sachen."Wo sind die Büros der Montex?" Worauf sie erwidert: "Im ersten Stock links." Die zweite Frage lautet: "Wo befindet sich die Müllaufbereitungsfirma Knautsch?" Darauf antwortet sie: "Zweiter Stock, zweite Tür, rechts." In vierzehn Jahren hat sie sich kein einziges Mal geirrt. Alle bekamen die entsprechende Information. Nur einmal geschah es, dass eine Dame vor dem Schiebefenster stehen blieb und die übliche Frage stellte: "Wo sind, bitte schön, die Büros der Montex?" Woraufhin ihr Blick ausnahmsweise in die Ferne schweifte und sie sprach: "Wir alle kommen aus dem Nichts und werden eingehen in das große stinkende Nichts." Die Dame legte Beschwerde ein. Die Beschwerde wurde untersucht, diskutiert und schließlich  fallengelassen. Es ist ja nun wirklich keine so große Sache."

Terézia Mora hat also viel für die ungarische Literatur in Deutschland getan und wir können mit einer gewissen Genugtuung feststellen, dass sie inzwischen in Ungarn ebenfalls gelesen wird. Die "Seltsame Materie" erschien in Budapest 2001 – aus dem Ungarischen von Erzsébet Rácz übersetzt, "Alle Tage" 2006 und "Der einzige Mann auf dem Kontinent" soeben, 2011 – die beiden Romane erschienen in der Übertragung von Lidia Nádori. Hier könnten wir uns leicht in die modische aber schweißtreibende Debatte darüber begeben, welcher Literatur sie überhaupt oder mehr angehört. Ich mag diesen Diskurs nicht, der früher oder später das Wort "Identität" aus der Zauberkiste holt. Mir fällt dazu nur eine Begebenheit aus meinem langen Aufenthalt in Deutschland ein. In Hamburg traf ich einmal auf der Straße einen schönen schwarzen Mann, der mit einer Zigarette in der Hand mich um Feuer bat. Wir kamen in ein kurzes Gespräch und ich stellte die Frage, die ansonsten deutsch so klingt: "Welcher Landsmann sind Sie?" bewusst in ungarischer Formulierung: "Woher kommen Sie?" Der junge Mann, der deutschen Sprache offensichtlich nicht besonders mächtig, streckte daraufhin seine beide Armen aus und sagte: "Ich komme von der Erde."

 

Liebe Terézia, kedves Teca, du kommst ebenfalls "von der Erde", weißt selber gut genug, was dich mit Deutschland und Ungarn verbindet, spürst genau, wann du an deinem nächsten Roman arbeiten oder plötzlich irgendeinen ungarischen Geniestreich entdecken und gleich mit der Arbeit des Übersetzens beginnen solltest.