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Dr. Maike Albath
Grußwort der Jury

 

Übersetzer-Schriftsteller. Für Terézia Mora

 

 

Unsere diesjährige Preisträgerin Terézia Mora ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Wie kommen Schriftsteller zum Übersetzen? Die Literaturgeschichte gibt Auskunft darüber. Manchmal ging es darum, sich eine verschüttete Tradition neu anzueignen. Die italienischen Humanisten übersetzten, edierten, kommentierten und imitierten die griechischen und lateinischen Klassiker, entrissen Homer und die griechischen Lyriker dem Vergessen und gründeten darauf ihre kulturelle Erneuerung, die sogar zu einer Massenbewegung europäischen Ausmaßes wurde. Frankreich, England und die Niederlande ahmten im 16. Jahrhundert die italienischen Lehrmeister nach. Auch in späteren Epochen war es häufig die Übersetzungsarbeit, mit der man der eigenen Literatur einen Aktualitätsschub versetzen wollte und versuchte, sie ästhetisch und inhaltlich ein bisschen auf Trab bringen. Goethe prägte den Begriff der Weltliteratur und knöpfte sich Diderot vor, außerdem Caldéron, Voltaire und Manzoni, schließlich auch Pindar und das Hohelied Salomo. Böse Stimmen behaupteten, sein Diderot sei vollständig ausgedacht, was der Geheimrat entschieden von sich wies. „Verschiedene Deutsche glauben, dass jenes Original nie existiert habe und dass alles Goethes Erfindung sei“, berichtet der Genfer Wissenschaftler Frédéric Jacob Soret 1823. „Goethe aber versichert, dass es ihm durchaus unmöglich gewesen sein würde, Diderots geistreiche Darstellung und Schreibart nachzuahmen, und dass der deutsche Rameau nichts weiter sei als eine sehr treue Übersetzung.“ Goethes Freund Wilhelm von Humboldt übertrug den Agamemnon, Schlegel und Tieck gaben Shakespeare eine deutsche Stimme, und Hölderlin widmete sich Sophokles und Pindar. Seine Pindarübersetzungen inspirierten schließlich Benjamin zu seiner Forderung, bei Übersetzungen immer das Original durscheinen zu lassen. Vor allem in Phasen politischer Isolation, in denen es an Anregungen mangelte, wirkten literarische Importe belebend und bildeten die Grundlage für eine Gegenkultur. Im faschistischen Italien der dreißiger Jahre gab es eine Gruppe junger Leute, die einen Verlag gründeten, selber schrieben und gleichzeitig übersetzten. Der Schriftsteller Cesare Pavese gehörte dazu, er nahm sich schon als Zwanzigjähriger Moby Dick von Melville vor, später Dos Passos, Sinclair Lewis, Sherwood Anderson, Faulkner, Steinbeck, Gertrude Stein und andere, und verpasste der italienischen Literatur einen Vitalitätsschock. Natalia Ginzburg widmete sich Proust. Calvino fühlte sich in den sechziger und siebziger Jahren für Perec und Queneau zuständig. Die große Kultur des Turiner Verlagshauses Einaudi gründete sich auch auf Übersetzungen.

 

 

 

Übersetzen ist also Teil eines umfassenden literarischen Projektes, der Aneignung von Kultur und Sprache. In der deutschen Nachkriegszeit war das Übersetzen unter Schriftstellern ein bisschen aus der Mode geraten. Zwar gab es als Lyrikübersetzer Paul Celan, Heinrich Böll gab sich mit englischsprachigen Autoren Mühe, in der DDR sorgten Fritz Rudolf Fries und Erich Ahrendt für Übersetzungen aus dem Spanischen, aber lange Zeit widmeten sich nur wenige Schriftsteller dem aufwendigen Handwerk des Übersetzens. Das ändert sich gerade wieder. Terézia Mora war mit ihren Übertragungen von Péter Esterházy, István Örkény, Péter Zilahy und Lajo Party Nagy, die sie seit 2001 veröffentlicht hat, eine der ersten. Inzwischen eifern ihr etliche Generationskollegen nach: von Mirko Bonné, Norbert Hummelt, Durs Grünbein, Antje Ravic-Strubel bis hin zu Jan Koneffke begreifen viele Schriftsteller das Übersetzen als Teil ihrer schriftstellerischen Arbeit. Terézia Mora war eine Pionierin. Sie vermittelt uns nicht nur den Zugang zu einem berühmten Werk, sondern erweitert zugleich die deutsche Literatursprache, dehnt sie, lauscht ihr neue Tönungen ab. Man kann sich keinen effektvolleren Inspirationsschub für die deutsche Literatur wünschen als die Werke Péter Esterházys. Die Jury, bei der ich mich für die produktive Zusammenarbeit bedanke, hat sich für Terézia Mora entschieden. Unsere Begründung lautet:
„Terézia Moras Übersetzung von Péter Esterházys legendärem Debüt Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane) vermittelt auf mitreißende Weise das literarische Abenteurertum des ungarischen Schriftstellers. Ob realsozialistische Parodien, tollkühne Wortspiele, kunsttheoretische Verschrobenheiten oder das pseudopreziöse Auftrumpfen des Erzählers – Terézia Mora findet für alles eine Entsprechung. Mit sprachschöpferischer Phantasie macht sie aus Esterházys Roman das, was er im Original bereits war: einen Klassiker. Nun ist das Buch auf Deutsch ein überbordendes Sprachkunstwerk. Oder um es mit den Worten des Helden zu sagen: famoski!“

 

 

 

 

Wir würden ihr, der Schriftstellerin, anders als Goethe, übrigens zutrauen, Esterházy einfach neu zu erfinden. Aber ihr Materiallieferant beherrscht selbst die deutsche Sprache und wäre ihr vermutlich auf die Schliche gekommen. Cesare Pavese sagte 1934, er habe Moby Dick nur zum Vergnügen übersetzt. Das – ohnehin geringe – Honorar sei ihm gleichgültig gewesen, im Gegenteil: Er hätte sogar dafür bezahlt, um dieses großartige Buch übersetzen zu dürfen. Wir sind froh, den Spieß umdrehen zu können und Terézia Mora auch pekuniär für ihre Arbeit zu belohnen. Herzlichen Glückwunsch!

 

(es gilt das gesprochene Wort!)