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Dankesrede von Terézia Mora
anlässlich der Verleihung des Übersetzerpreises der Kunststiftung NRW 2011


Also gut, sage ich... „ich werde mich erkenntlich zeigen und sprechen.  Lange, fundiert und hymnisch werde ich über die Sprache sprechen, welche die Ordnung der Welt ist, musikalisch, mathematisch, kosmisch, ethisch, sozial, die grandioseste Täuschung, dies ist mein Fach. Ein Mensch kann zweihundert verschiedene Gesichtsausdrücke produzieren, um seinen Befindlichkeiten Ausdruck zu verleihen. Etwa gleichviel Töne kann ein Säugling hervorbringen. Später lernt er seine Muttersprache und vergisst den unnützen Rest. Das nennt man Ökonomie. Er lernt durch richtige Beispiele ebenso wie durch Fehler, aus denen er die richtige Regel ableitet. Das nennt man: universeller Sprachinstinkt. Gefallen aus von der bratenden Pfanne in das Feuer wir sind. Hiermit definieren wir Übersetzung als Translation als Aspekt von Kommunikation, Kommunikation von Interaktion, Interaktion von Handeln. Somit ist Übersetzen, sofern ihm eine Absicht zugrunde liegt: Handeln.“ Selbstzitat aus dem Roman „Alle Tage“.

 

 

Übersetzer stehen, wie Sie vielleicht gemerkt haben werden, meinem Herzen nahe. Bisher war in jedem meiner selbst verfassten Bücher irgend jemand Sprachmittler: Übersetzer und/oder Dolmetscher. Das hat sich zuerst aus meiner Biographie ergeben, ab dem zweiten Buch habe ich mich bewusst dafür entschieden. Sprachmittlung ist das Ding, das mir mit am wichtigsten ist, ein Grund und eine Grundlage meines Lebens und Schaffens, also soll es, wo dies immer sinnvoll möglich ist, auch sichtbar sein.

 

 

Die biographische Besonderheit ist, konkret, meine Herkunft aus einem mehrsprachigen Landstrich, das alte Pannonien, heute das Grenzgebiet zwischen Ungarn, der Slowakei und Österreich, und mein eigener Spracherwerb als Zweisprachige. Der Zwei- oder Mehrsprachige verbringt seinen ganzen Alltag in der Übersetzung. Das ist natürlich nicht wie das Übersetzen eines Buchs, aber es läuft auch nicht „unbewusst“ ab. Selbst wenn ich nicht mein gesamtes Denken dafür brauche, zwischen meinen beiden Idiomen hin und her zu wechseln, so bin ich mir immer der Arbeit bewusst, die ich mit jedem Satz, wenn ich ihn vollständig in der einen oder der anderen Sprache sage, leiste. Häufig genug tummeln sich an manchen Stellen, an denen man sich äußern möchte, mehrere Idiome, wohingegen bei anderen Gelegenheiten nur eins anwesend ist, oder, aber das wird auch nicht Zweisprachigen so gehen: gar keins. Man sieht etwas und es fällt einem in keiner  Sprache ein, wie es heißt. Das lange Ding da oben auf dem Dach, wo der Rauch herauskommt. Schornstein. Kémény. Chimney. Cheminé. Kamin. – Was? Ich dachte, Kamin wäre der untere Teil, der kandalló. Das Fireplace. – Undsoweiter. Und dann noch die Regionalismen. Ich picke. Du machst was? Ach, du klebst. Oder dass für den Ungarn alles unterhalb der Hüfte einfach „Fuß“ ist.

 

 

Anekdote:
Was heißt: szomorú a bujdosás? Fragt mich meine 3jährige Tochter jedes Mal, wenn sie die entsprechende Liedzeile hört. Und ich, von Freude durchdrungen, denn kaum etwas macht mir so viel Spaß, wie, gerade mit der Kleinen, über Sprache zu sprechen, erkläre:
szomorú, das ist einfach, das ist dasselbe wie traurig. "Bujdosás" hingegen kann man gar nicht übersetzen, das ist ein nur-ungarisches Wort. Es kommt aus den Volksliedern, die alte, wahre Geschichten erzählen, darüber, dass einer sein zu Hause verlassen muss, dorthin nicht zurückkehren kann, sich verstecken muss, und manchmal verlässt er lieber gleich das Land, bevor er sein Leben in Wäldern und Schilf fristet. Das ist „bujdosás“. Nicht nach Hause zu können. Verstehst du?
Ja, sagt meine Tochter, und, damit ich es auch sicher verstehe, schickt sie noch hinterher: Igen.

 

 

Das früh erlernte, tief verankerte Wissen um die Bereiche, in denen sich zwei Sprachen berühren, aber insbesondere um jene, an denen sich zwei Sprachen niemals berühren, das ist er große Vorteil des zweisprachigen Übersetzers. Die wohltuend sichere Wissen darum, dass nicht meine Sprachkenntnis zu gering ist, sondern dass das, was ich da sehe, wirklich ein weißer oder dunkler, oder wie man will, Fleck ist. Dass es sich nicht lohnt, mit der Brechstange daran zu gehen. Dass man aber gar nicht versuchen sollte, die Bereiche zu verkleinern, an denen sich Sprachen nicht berühren, will ich damit nicht gesagt haben. Im Gegenteil. Meine Arbeit als Schriftstellerin, aber besonders als Übersetzerin, ist darauf ausgerichtet, die Grenzen meiner Sprache hinauszuschieben. Meiner, also der Sprache aller. Überall, wo Menschen kommunizieren, verschieben sich ihre Sprachgrenzen, also die Grenzen ihrer Welt, und heute ist es in großen Teilen der Welt so, dass man mit mehr Menschen kommunizieren kann als jemals zuvor. Und ich mit meinem Sprachgebrauch bin eben ein Teil davon, ein hauptberuflich damit beschäftigter Teil, was mich auf eine existenziell entscheidende Art und Weise befriedigt.

 

 

Lange Zeit, bis zu jenem Zeitpunkt, als ich anfing, Sprache professionell zu benutzen, war nicht klar, welche meiner beiden Idiome meine Muttersprache ist. Die ersten 19 Jahre sah es so aus, als wäre es das Ungarische. Ich lebte in einer ungarischen Umgebung und benutze fast ausschließlich die dominante Sprache, die Sprache der Mehrheit: ungarisch. Nach meinem Umzug nach Deutschland folgten 7 Jahre des Sprachmixes – Tagebucheinträge von rührender bis peinlicher jugendlicher Beschränktheit, an denen aus heutiger Sicht nur noch eines lehrreich ist: zu beobachten, wie das eine Idiom langsam das andere ablöst, bis am Ende das Deutsche als dominante Sprache zurückbleibt, und wahrscheinlich war es die ganze Zeit schon meine L1, aber ich wußte es nicht, denn ich benutzte es nicht aktiv. Und nun ist es die Sprache in der ich schreiben kann und IN die ich übersetzen kann. Es geht NUR in diese Richtung.

 

 

Zur Zeit befinde ich mich gerade in einem Experiment, die Durchgängigkeit zwischen meinen beiden Idiomen in beide Richtungen auszubauen. Ich versuche, einen Teil des Buches, das ich gerade schreibe, zuerst auf ungarisch zu schreiben, dann es ins Deutsche zu übersetzen. Der Plot des Romans liefert eine Begründung für dieses Vorgehen,  und das Experiment ist ein nicht entfernbarer Teil des Ganzen, allerdings – Die Autorin bin ich! - hätte ich mich ja auch ganz anders entscheiden können, nämlich, das Experiment nicht zu machen. Aber ich wollte es machen. Nicht aus sportiven Gründen. Es gibt überhaupt keine Notwendigkeit, also keinen Grund, weshalb ich in zwei Sprachen literarisch tätig sein sollte. Es reicht ja kaum ein Leben, um in EINER Sprache die Schriftstellerin zu werden, die man sein möchte. Aber, da ich nun einmal frei bin, und es mich interessiert, probiere ich es nun aus.

 

 

Und was passiert?

An manchen Tagen, an wenigen, gelingt es mir, auf ungarisch so zu schreiben, als wäre es etwas Selbstverständliches. Aber meistens passiert folgendes: ich setze mich hin, mit dem Vorhaben, auf ungarisch zu schreiben, und dann fange ich an und merke nach drei Zeilen, dass das zwar wie ungarisch aussieht, aber in Wahrheit deutsch ist. Also schreibe ich wirklich auf deutsch weiter, bis sich der Schwung verbraucht hat, weil es mir zu schade um den Schwung wäre, wenn er schon einmal da ist. Dann übersetze ich das Geschriebene ins Ungarische, um so zu tun, als wäre das das Original, und übersetze dann dieses wieder ins Deutsche, um so zu tun, als dieses wiederum eine Übersetzung, der kein deutsches Original jemals voranging.

 

 

Die Erkenntnis, die ich bislang daraus gewonnen habe, ist, Sie ahnen es:
Man kann nicht so tun, als wäre etwas ein Original, das kein Original ist. In den allermeisten Fällen merkt man meinem übersetzten Ungarisch an, dass es eine Übersetzung ist. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als ein anderes Mal zu versuchen, ein neues, diesmal wirklich ungarisches Original zu erstellen, deren deutsche Übersetzung natürlich nicht identisch sein wird mit dem ersten, deutschen Original, welches übrigens geschreddert werden wird, denn die Regeln, die ich mir bei diesem Spiel selbst gestellt habe, erlauben es mir nicht, etwas anderes, als einen aus einem ungarischen Original übersetzten deutschen Text in den Roman aufzunehmen. Wirklich sehr spannend, ich muss schon sagen. Besonders, weil ich auch noch vorhabe, zu patzen. Und zwar so, dass es dem Leser klar wird: der im Text imaginierte Übersetzer patzt hier gerade, und zwar, weil das der Willen der Autorin ist, die also gerade NICHT patzt. Kennst di aus? 

 

 

All das ist als Kommentar zu verstehen zu der Arbeit des Übersetzens. Wie Sie sehr gut wissen, schiebt man dem Übersetzer gerne so manchen schwarzen Peter zu. Bei einem japanischen Erfolgsautor kommen mitunter Sätze vor, dass man ganz erschüttert ist, und sich fragt: wie konnte er es tolerieren, es sich selbst erlauben, dass im fertigen Werk solch monumentale Beweise für – die, das ist keine Schande, jeden Tag, ständig lauernden – Abstürze in die Talentlosigkeit stehen bleiben? Gerne weist man in solchen Fällen dem Übersetzer die Schuld zu.

 

 

Da ich nicht japanisch kann, werde ich die Wahrheit in diesem Fall wohl nie erfahren, aber weil ich gerne auf der Seite des Übersetzers bin, habe ich mich mit mir selbst auf die Wahrscheinlichkeit geeinigt, dass diese misslungenen Sätze auf das Konto des Autors gehen. Der Übersetzer hat mannigfaltige Pflichten, aber nicht die, den Autor – wie man im Ungarischen sagt – in ein höheres Regalfach zu stellen, als er sich selbst gestellt hat.

 

 

Bemerkung: das hätte ich auch in einer Übersetzung so gemacht. Im Deutschen gibt es kein Sprichwort, keinen Spruch mit Regalfächern – bis jetzt. Was mich anbelangt, habe ich beschlossen, dass das Deutsche durchaus einpaar Hungarismen verträgt, dass es flexibler ist, als oft germanistisch eingeengte Lektoren meinen. Dass es zumindest einen Versuch wert ist. „Ein Dorf hinter Gottes Rücken“, das ist auch etwas Ungarisches, aber auch ein Deutscher kann sich gut vorstellen, was für ein Dorf das sein mag. Und weil er das kann, und weil ich es in eine Übersetzung schreiben kann, ist das Dorf hinter Gottes Rücken ab jetzt in der deutschen Sprache – ein Angebot.

 


Hungarismen sind die eine Sache, die ich sehr mag. Regionalismen die andere. Wobei das ein schier unübersichtliches Terrain ist, der deutsche Sprachraum so ungleich größer als der ungarische, die regionalen Unterschiede sind enorm, und ich habe nur beschränkten Zugang. Ich habe einst gelernt, man müsse sich entscheiden, ob man sich sprachlich nördlich oder südlich hält, Berlin oder Wien, das sollte man nicht mixen. Vielleicht nicht. Aber dann mache ich es doch. Ich nehme lieber in einem ansonsten hauptsächlich nördlich orientierten Text ein einzelnes „Werkl“ auf, statt der regional üblicheren „Drehorgel“, denn es hat in meinen Augen mehr Sinn, zu sagen: „Und das Werkl dreht sich weiter“, als „die Orgel dreht sich weiter“. Das Problem mit „Orgel“ an dieser Stelle ist, Sie ahnen es, das es mehr als nur ein Instrument bezeichnet. Während das Werkl, als Gegenstand, nur eins sein kann, und auf der metaphorischen Ebene wegen „Uhrwerk“ und „werkeln“ flexibler einsetzbar lässt als die „Drehorgel“. Die Drehorgel hat quasi nicht das richtige Herz für unsere Zwecke.

 

 

In Übersetzungen bediene ich mich auch gerne Ausdrücke, die nur auf ein Dorf beschränkt sind, da sie den Vorteil haben, sowieso überall anderswo fremd zu sein. Ich benutze dafür nicht etwa die Ausdrücke aus meinem Heimatdorf – da wäre ich mir, wegen der großen emotionellen Aufladung unsicher, ob ich noch beurteilen kann, was andere davon verstehen können. Nein, ich verwende meist Ausdrücke, die ich von meinem Mann aus Vorpommern gehört habe, denn diese sind mir, da ich ihnen erst als Erwachsene das erste Mal begegnet bin, ausreichend fremd. Auf diese Weise kam zum Beispiel der Satz: „Sie haben ihn auf die Ladefläche eines Lkws hochgewöltert“ in „Meines Helden Platz“ von Lajos Parti Nagy. Oder die Kinder „flüstern und wräuschen in den Reihen“ in Gábor Némeths „Bist du Jude?“. „Wräuschen“ ist nicht nur regional, sondern auch noch rund 250 Jahre alt, aber das ist ab jetzt egal, denn ab jetzt steht es in einem Text von heute, mal sehen, was wird. Einen Versuch ist es, wie schon gesagt, immer wert.  Wenn man nur schreiben dürfte, was gerade „üblich“ ist: wie öde wäre das, wie schade, was für verschenkte Möglichkeiten.

 

 

Auch deswegen: prüfe, wer sich zu einer Übersetzung entschließt. Du bist, was du isst und was du liest. Denn den einen oder anderen ausgerutschten Satz verträgt natürlich jede Prosa, die an sich in Ordnung ist. (Den erwähnten Japaner zum Beispiel lese ich sehr gerne, auch wenn es bisher in jedem, in JEDEM Buch blöde Sätze gab.) Aber es gibt Grenzen. Der Mangel an einer eigenen schriftstellerischen Sprache zum Beispiel ist absolut inakzeptabel. Es wäre Zeitverschwendung, einen zu übersetzen, bei dem sich Floskeln über Floskeln häufen, das Licht immer nur „gleißend“ sein kann, der ungeschickt ist bei Metaphern, oder bei dem, Zitat Esterházy, „der Nebensatz im Hauptsatz wackelt wie ein schlechtes Scharnier“. Was ich nicht zu lesen ertragen würde, ertrage ich auch nicht als Übersetzerin.

 

 

Übersetzen ist das intensivste mögliche Lesen, die tiefste mögliche Verschmelzung mit einem Buch. Das ich NICHT selber schreiben muss! Ein Geschenk! Ein Kollege, der ebenfalls sowohl schreibt als auch übersetzt, hat es treffend formuliert: Übersetzen ist Schreiben, ohne die Panik. Gepriesen sei also die Übersetzung. Aber nicht nur wegen des Nutzens, den sie für den bringt, der sich ihr verschrieben hat. Sondern auch wegen des Nutzens, den sie für alle bringt. Übersetzen ist nichts geringeres, als Friedensarbeit. Das Fremde ähnlich machen, damit das Misstrauen nicht größer sein muss, als wie es unvermeidbar ist zwischen Menschen/Menschengruppen. Sich nicht verständlich machen zu können und andere auch nicht zu verstehen, ist immer zumindest eine unangenehme Situation. Kommunikation muss aufrecht erhalten werden. Natürlich nicht eine von irgend einer Qualität. Einmal hat man mich gefragt, ob ich der Meinung sei, dass das Englische als lingua franca dazu beitragen könnte, dass wir uns besser verstehen. Worauf ich neunmalklug erwiderte: kommt logischerweise darauf an, für was für Mitteilungen wir die jeweilige lingua franca benutzen. Was uns zurückführt zur Auswahl der Texte, die wir übersetzen.

 

 

Prüfe, ob, was und wieso du etwas gut findest. Und dann prüfe, ob ihr zu einander passt. Esterházy kann ich, Nádas kann ich nicht. Das ist nicht schade, das ist eine Tatsache. Der kluge Mensch tut, was ihm leicht von der Hand geht, sagt das Tao.  Und was sich lohnt, möchte ich hinzufügen. Es muss sich lohnen, Teile der Schreib- und Lebenszeit für die Übersetzung einzusetzen. Es muss mehr bringen, als Geld, nämlich: Erkenntnis, Weiterentwicklung. Das Geld ließe sich anderweitig mitunter leichter beschaffen. Beschaffungsarbeit. Voilà, ein Wort, das ich gerade gemacht habe.  Stolzbin. (Internetsprache.) Bis ich nachschaue (ebenfalls: Internet) und feststellen muss, dass es das Wort „Beschaffungsarbeit“ wirklich gibt, es aber etwas anderes bedeutet, als das, was ich darunter verstanden haben wollte. Ich werde mich trotzdem nicht gleich davon verabschieden, erst einmal schauen, es gibt ja schließlich auch noch den Textzusammenhang, und dieser wiederum ist das A und O in einem Buch. Der TEXTZUSAMMENHANG! Semantische Netze! Schau, dieses schöne Netz habe ich geknüpft!

 

 

Man geht also zu „seinem“ Autor und sagt: mir ist nach einer Herausforderung. Ich möchte „Produktionsroman“ übersetzen, denn es scheint mir, es könnte schwierig werden. Schwieriger als „Harmonia caelestis“ oder Teile der „Einführung in die schöne Literatur“. Dass niemand wirklich auf dieses Buch wartet  -  es heißt, es sei alt und mutmaßlich mittelschwere mit Tendenz zu schwerer Lektüre – ist nur von Vorteil, denn das heißt wiederum, man hätte etwas mehr Zeit dafür, als bei aktuell entstandenen Bücher, was ideal wäre, ich kann es nämlich  nicht leiden, gehetzt zu werden.
Man einigt sich, die vertraglich festgelegten Dinge sind für den Übersetzer teilweise beleidigend, aber lassen wir das jetzt. Du setzt dich hin und liest: „Nem találunk szavakat“. Wir finden keine Worte. Der Autor hat an diesem ersten Satz 2 Jahre geschrieben, ich 5 Sekunden. Eine Kostprobe aus dem Himmel, siehe oben. Das Buch, das ich nicht schreiben muss.

 

 

Und so weiter, Satz für Satz. Das ganze erste Kapitel über läuft es wie geschmiert.
Wenn du verstehst, wie der Autor seine Sätze, Worte, Syntagmen macht, hast du schon die halbe Miete. Bei Parti Nagy dominieren die Worte, bei Esterházy muss man die Art und Weise kapieren, wie er Sätze macht. Lass dich nicht von den vielen Registerwechsel in der Lexik beirren. Es sieht nur so aus, als wäre es die Hauptaufgabe, die Entlehnungen aus dem Barock, der Reformzeit mit der Fußballsprache der 70er Jahre in Ungarn unter einen Hut zu bringen. Plus die absichtlichen Verdorbenheiten seiner Eckermannismen.

 

 

Bemerkung, Einschränkung: die Eckermannismen, überhaupt das Falschssprech, das ist dann doch nicht so einfach, wie ich zunächst dachte. Im ersten Durchlauf machte ich es so schräg, wie es im Ungarischen schräg ist. Im zweiten Durchlauf machte ich es ein wenig glatter, denn ich sah den deutschen Leser überfordert. Halt, sagte der Autor, aber weiter bitte nicht mehr dem postulierten „Normalen“ nahe rücken. Also rückte ich im dritten Durchlauf nicht mehr näher – außer heimlich, an wenigen Stellen. Es auf die richtige Weise falsch zu machen entpuppt sich doch immer wieder als Herausforderung. Wie man auch im späteren Verlauf sehen konnte, denn:
Halt, sagte der Lektor in seinem ersten, meinem vierten Durchlauf, was soll das, was machen Sie da? Den ersten Teil haben Sie so schön übersetzt! Aber das? „Was für ein stilistisches Geknäul ist das?“: „Dieser Affekt gebar zu einem anderen Terminus folgende Worte von des Meisters Lippen...“? „Ein normaler Mensch spricht so nicht.“ Lieber Monami, schrieb ich zurück, dies ist ein Eckermannismus, ein Eckermann, Eckerm, Ecke, Eck und schließlich nur mehr: E. Oder, wie es der Autor an geeigneter Stelle einfügte: „Bin ich doch kein normaler Mensch, sondern des Meisters treuer Lebenszeuge Treue und Respekt haben eben ihren Preis. Einen in Worten ausdrückbaren Preis.“
(Zur Entlastung des Lektors sei eingefügt: er orientierte sich an einer bereits vorhandenen französischen Übersetzung, in der die Eckermannismen eingeebnet worden waren. - Er muss also zwangsläufig gedacht haben, ich hätte plötzlich den Verstand verloren.)

 

 

Es gibt also der Fallstricke zu genüge, aber oft geht es auch viel leichter, als man es annehmen würde. Hauptsache, man lügt sich nicht in die Tasche beim Arbeiten. (Sollte man eh nie.) Wenn es dir gleich einfällt, was das, was du da liest, im Deutschen ist: schreib es hin. Wenn es dir nicht gleich einfällt: suche danach. Wenn du es nicht gleich findest, lass das ungarische Wort im Text stehen, wenn es sein muss, bis zum bitteren Schluss, wenn der Text am nächsten Tag zum Lektor muss, erst dann schließe einen Kompromiss. Bis dahin suche. Suche und finde und schreibe alsdann, schnörkellos, herausdestilliert, Tugendkomittee und Chriae, schreibe: „ich mach mich mal raus zu Marcis Match“, Halbstürmer, Half, schreibe „Zu jener Zeit verriet ich eine gute Form“, und schreibe nicht zuletzt: „ich sag zum fichte Feri, ich bräucht mal ne italienische Bux, die eng ist, fichte, aber mir nicht die Eier abquetscht“.

 

 

Fichte, das war vielleicht mein Lieblingswort im ganzen Produktionsroman. Der Autor hat sich dafür entschieden, das ewige ungarische bazmeg (wofür es ohnehin kein deutsches Wort gibt, nur ein englisches, das sich ähnlich gebrauchen lässt: fuck you, fuck you, fuckin' fuck) mit einem füzfa zu ersetzen, was eigentlich die Pappel wäre, aber mit pappel geht es natürlich nicht. Was sollte das heißen, eine Hose, die eng ist, pappel, aber mir nicht die Eier abquetscht. Es KANN nur die Fichte sein, was viel, viel besser ist, als das ewige verfickt, das wir Ungarischübersetzer normalerweise für das bazmeg einsetzen müssen. Es fühlt sich einfach nicht „authentisch“ an, obwohl mittlerweile der anal schimpfende Deutsche dank der Synchronisierung amerikanischer Filme sich das fick dich und sogar die verfickte Scheiße angewöhnt hat, dennoch, so ganz das Richtige ist es nicht, wohingegen Fichte perfekt ist. Was mich so erfreut, ist, dass Fichte sowohl als Adjektiv als auch als Substantiv einsetzbar ist, was im Ungarischen fast mit jedem zweiten Wort geht, ohne das Phonem verändern zu müssen, aber im Deutschen normalerweise nicht, aber schau mal, fichte, was ich da oben für eine fichte Sache gemacht habe.

 

 

Ich habe eine fichte gute Sache da gemacht. Sie war schon vorher gut, aber jetzt ist sie es auch im Deutschen, und ich war diejenige, die dieses Deutsch gemacht hat. Wenn ich durchzähle, was ich dafür getan habe, meinem Hiersein einen Sinn zu verleihen, kann ich getrost diese Arbeit mit auf die Liste nehmen. Ich freue mich, wie ein kleines Kind, und nicht wie der Affe über seinen Schwanz, denn das Transferieren von Sprachbildern von einer Sprache in die andere hat auch ihre Grenzen. Ich lebe wie Gott in Frankreich, nicht wie der Marci in Heves. Diesen Marci gab es übrigens wirklich, er war ein berühmter betyár, also ein bujdosó Räuber, nicht ganz so wie der Karl von Mohr in den böhmischen Wäldern, aber ähnlich, aber das, meine Kleine, erzähle ich dir ein anderes Mal.