
Im Namen der Jury, zu der auch Justyna Czechowska aus Warschau und Grzegorz Zygadlo aus Wroclaw gehörten, habe ich die Ehre, die drei Preisträgerinnen des heutigen Tages vorzustellen.
Sława Lisiecka, die heute den großen Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW erhält, gehört zu den bedeutendsten Übersetzerinnen deutschsprachiger Literatur überhaupt. In über dreißig Jahren übersetzerischer Tätigkeit, die vor allem der deutschen Gegenwartsliteratur gewidmet waren, hat sie mehr als achtzig Bücher übersetzt, ein riesiges Oeuvre , dessen Spektrum von Ingeborg Bachmann bis Juli Zeh, von Günther Grass bis Karl Markus Gauß reicht und nicht nur Prosawerke, sondern auch Lyrik und Drama umfasst. Sława Lisiecka wirkt im besten Sinne als Mittlerin zwischen den Literatursprachen, indem sie nicht „nur“ mit den Texten befasst ist, sondern sich auch stets um einen regen Austausch mit dem kulturellen Leben der deutschsprachigen Länder bemüht.
Heute erhält Sława Lisiecka den Preis in Würdigung ihres außerordentlichen übersetzerischen Gesamtwerks, wobei ihre in den letzten Jahren erschienenen Übersetzungen der autobiographischen Schriften und des Romans „Auslöschung“ von Thomas Bernhard bei der Entscheidungsfindung der Jury im Mittelpunkt standen.
Sława Lisiecka wird so vielen Stilen, Nuancen und dichterischen Eigenarten gerecht, dass es nicht einfach ist, die Übersetzung eines bestimmten Autors als besonders kongenial hervorzuheben. Doch die genannten Übersetzungen schienen uns als Juroren aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen wird man bei einem Blick auf Sława Lisieckas Bibliographie leicht feststellen, dass die österreichische Literatur für sie eine besondere Rolle spielt – nicht von ungefähr ist sie auch bereits mit dem österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung ausgezeichnet worden.
Zum anderen stellen die Texte Thomas Bernhards eine außerordentliche Herausforderung dar, da ihr Markenzeichen grammatische und syntaktische Mittel sind, durch die sich die deutsche Sprache nicht nur von der Polnischen so besonders unterscheidet. Doch bei aller Verschiedenheit des Umgangs mit Zeit, Modus, indirekter Rede und dergleichen, entsteht aus Sława Lisieckas Feder eine polnische Bernhard-Version, die die kreisende Dynamik, die grundlegende Infragestellung der wahrgenommenen Welt, die von Melancholie durchsetzte Ironie von Thomas Bernhards Texten ungebrochen vermittelt. Es gelingt Sława Lisiecka hier so besonders überzeugend, trotz der scheinbaren Inkompatibilität der den beiden Sprachen zu Gebote stehenden Mittel, das Polnische so auszuschöpfen und einzusetzen, dass die Eigenart des fremdsprachigen Originals erhalten bleibt und gleichzeitig eine Bereicherung der Ausdrucksmöglichkeiten der Zielsprache erfolgt. Jede gute Übersetzung erweitert das Original um eine Lesart und gewinnt ihm Aspekte und Nuancen ab, die unerkannt in den Falten der Herkunftssprache schlummerten, bringt aber auch in der Zielsprache etwas zu Klingen, das zuvor nicht zu hören war. Jeder, der beide Sprachen versteht, wird bewundernd feststellen, was Sława Lisieckas Übersetzung in ihrer Meisterung des scheinbar Unmöglichen den Texten Bernhards abgewinnt, und bedauern, dass dieser Zugewinn den meisten Lesern der Originale vorenthalten bleibt.
Auch Ela Kalinowska und Katarzyna Leszczyńska, die sich heute den in diesem Jahr erstmals von der Kunststiftung NRW ausgelobten Förderpreis teilen, stellen eine Meisterschaft in der Bewältigung von ganz besonderen Schwierigkeiten unter Beweis.
Ela Kalinowskas Bibliographie legt Zeugnis ab von einer besonderen Vorliebe für Autoren, deren erste Sprache nicht deustch ist. Sie hat unter anderem Terezia Móra, Feridun Zaimoglu, Zsuzsa Bánk und Sherko Fatah übersetzt, Autoren, deren Erfahrung und Handhabung der deutschen Sprache vor dem Hintergrund einer anderen Kultur und Sprache stattfindet. Mit den goßen Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte hat sich eine solche Literatur, in der auch noch ein weiterer, fremder Hintergrund vermittelt wird oder mitspielt, in etlichen Sprachen etabliert, ist als Phänomen in der polnischen Literatur aber noch nicht vertreten. Ela Kalinowska hat mit ihrem besonderen Gespür für die Vielschichtigkeit und Neuartigkeit dieser sprachlichen Färbungen inzwischen vielfach unter Beweis gestellt, wie sehr diese Texte in Übersetzung zum integrativen und bereichernden Bestandteil der Literatur der Zielsprache werden können.
Katarzyna Leszczyńska hingegen hat sich nunmehr über etliche Jahre als die polnische Stimme Herta Müllers etabliert. Herta Müllers Sprache ist stark von ihrer Herkunft aus dem Banat geprägt, einer Gegend im heutigen Westrumänien, wo in der deutschsprachigen Bevölkerung eine ganz eigene Idiomatik gepflegt wurde, die von der Entwicklung deutscher Umgangssprache in Deutschland, Österreich und Schweiz weitgehend unbeeinflusst blieb, aber auch die Spuren umgebender Mehrheitssprachen wie Rumänisch, Serbisch und Ungarisch trägt. Es ist Katarzyna Leszczyńskas Verdienst, für diese Eigenarten und die damit verbundene spezifische Poetik Herta Müllers eine überzeugende sprachliche Form im Polnischen gefunden zu haben, wo es keine vergleichbaren literarischen Vorbilder gibt. Zudem sei mit Katarzyna Leszczyńska das in Polen seltene Phänomen geehrt, dass ein Übersetzer konsequent zur bleibenden Stimme eines Autors bzw einer Autorin wird.
Es war eine Ehre und Freude für uns als Jury, zur Würdigung und Anerkennung der Arbeit von Sława Lisiecka, Ela Kalinowska und Katarzyna Leszczyńska beitragen zu können, und wir gratulieren den drei Preisträgerinnen von ganzem Herzen.