
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kollegen und Freunde,
als ich an einem ruhigen Nachmittag im März, beim Mittagessen, den Anruf aus dem Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen bekommen und von Karin Heinz erfahren habe, dass die Jury gerade mich der Kunststiftung-Stiftung als Preisträgerin des diesjährigen grandiosen Übersetzerpreises vorgeschlagen hat, konnte ich die Rührung kaum verbergen. Die Überraschung war sehr groß. Aber auch mein Glück.
Vor allem möchte ich mich bei der Kunststiftung NRW für die Idee des Übersetzerpreises bedanken. In meinem eigenen Namen und, wie ich hoffe, auch im Namen der früheren und künftigen Preisträger, die als Übersetzer so selten wahrgenommen und honoriert werden.
Weiter gilt mein Dank der Jury, Justyna Czechowska, Esther Kinsky und Grzegorz Zygadło, die so einstimmig beschlossen haben, meine langjährige Arbeit mit diesem Preis zu würdigen.
Und zuletzt danke ich von Herzen meinem lieben, meinem geliebten Europäischen Übersetzer-Kollegium, das im Laufe der letzten zehn Jahre mein zweites Zuhause wurde. Ich danke Karin Heinz und ihrem ganzen Team, besonders Dr. Regina Peeters, aber auch Doris Hüßmann und Eva Misera. Für ihre diskrete, fürsorgliche Anwesenheit und die Fähigkeit, alles so einzurichten, dass nichts den Schaffensprozess stört und dass es wirklich ein Paradies für Übersetzer ist, das sich von dem göttlichen Vorbild nur dadurch unterscheidet, dass man hier die Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken und essen darf und soll. So einmalige Orte wie das Übersetzer-Kollegium in Straelen geben einem Übersetzer das Gefühl, dass er nicht allein ist, sondern Mitglied einer größeren menschlichen Gemeinschaft, die ihn in schwierigen Momenten, an denen es ja in unserer Arbeit nicht mangelt, unterstützt.
Wie viele Male wollte ich schon ein zu übersetzendes Buch gegen die Wand schleudern! Die Straelener Mauern haben mehr als einmal mein Jammern, meine Ach- und Weh-Schreie und sogar mein Heulen gehört, wenn ich gegen besonders problematische Schriftsteller ankämpfen mußte, die sich mir störrisch widersetzten. So war es im Fall des so mehrdeutigen, undurchsichtigen expressionistischen Gottfried Benn in seinen Novellen und Gedichten oder im Fall des formal innovativen und sprachlich sehr erfinderischen Uwe Johnson in den „Mutmaßungen über Jakob” und „Heute neunzig Jahr“ oder auch im Fall von Martin Heidegger in seinen fast unübersetzbaren „Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung“.
Aber nicht nur die Mauern hörten dieses Jammern, auch viele Kollegen, die ich unaufhörlich mit meinen Fragen quälte. Ohne ihr Wohlwollen und ihre Geduld wären diese Übersetzungen wahrscheinlich gar nicht entstanden, oder vielleicht nur in einer verstümmelten Form. Ich bedanke mich bei meinen Straelener Kollegen recht herzlich für ihre Hilfe. Ganz besonders will ich Frau Dr. Renate Birkenhauer danken, die der gute Geist des Hauses ist und deren Wissen, Kultur und sprachlicher Kompetenz meine „schwierigen“ Übersetzungen unheimlich viel verdanken. Auch mir selbst sprach sie oft Mut zu, so daß ich mich erneut an sehr anspruchsvolle Werke machen konnte, die von einem Übersetzer neben den üblichen Fähigkeiten auch innere Stärke verlangen.
Nun sei es mir noch erlaubt, meinem hier anwesenden Mann, Zdzisław Jaskuła, zu danken, der sehr oft der erste kritische Leser meiner Übersetzungen ist und mit dem zusammen ich einige Bücher vom Deutschen ins Polnische übertragen habe, wie zum Beispiel „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche. Die Stunden gemeinsamer Arbeit mit ihm gehören zu den herrlichsten in meinem Leben.
Die Jury hat mir den Preis für mein „Lebenswerk” verliehen, aber mit besonderer Berücksichtigung der Prosa von Thomas Bernhard. Dieser faszinierende Schriftsteller begleitet mich tatsächlich seit dem Anfang meiner übersetzerischen Aktivität, und er wird mich wohl weiterhin begleiten. Und zwar deshalb, weil er ganz überraschend in Polen ein sehr populärer und recht gut aufgenommener Autor geworden ist. Einer der Gründe dafür mag wohl der sein, dass wir seit Witold Gombrowicz keinen so bedeutenden Autor haben, der eine seiner Nation gegenüber kritische Literatur schreibt und sich mit ihrer Tradition und ihrem Mythos auseinandersetzt. Bernhard ist für uns also eine Art Ersatz, er füllt eine bestimmte Lücke aus. Vielleicht kommt der Name Gombrowicz in seiner „Verstörung“ nicht ganz zufällig vor?
Ende der siebziger Jahre (des 20. Jahrhunderts) übersetzte ich für die Anthologie zeitgenössischer österreichischer Erzählungen, die meine erste Buchpublikation war, seine ergreifende Novelle „An der Baumgrenze”. Etwas später bereitete ich für den Lodzer Kunstverlag „Correspondance des arts”, der außerhalb von der Zensur wirkte, eine Auswahl aus seinen „Ereignissen” vor, düstere, ein bißchen surrealistische und groteske Kurzprosa. Dann kamen die autobiographischen Miniromane, die in den achtziger Jahren in meiner Übersetzung erschienen. Sie werden jetzt als ziemlich umfangreicher Band ab und zu neu aufgelegt.
Damals wußte ich noch nicht, wie sich Thomas Bernhard zu den Übersetzern äußerte. Viele Jahre später übersetzte ich mit zusammengebissenen Lippen sein Geständnis, das er derJournalistin Krista Fleischmann auf ihre Frage machte: „Ist das eine gewisse Befriedigung, wenn man die übersetzten Bücher sieht?”
„Nein, überhaupt nicht“, antwortete darauf Thomas Bernhard. „ (…), weil das ist ja dann das Buch von dem, der es übersetzt hat. Der geht ja seinen eigenen Weg, und der setzt sich immer durch. Ist nicht wiederzuerkennen. Ein übersetztes Buch ist wie eine Leiche, die von einem Auto bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden ist. Können S’ da die Trümmer zusammensuchen, aber es nützt nichts mehr. Übersetzer sind ja was Furchtbares. Sind arme Leute, die nichts kriegen für ihre Übersetzung, niedriges Honorar, himmelschreiendes, wie es heißt, und machen auch eine furchtbare Arbeit, also gleicht es sich wieder aus. Wenn man was macht, das nichts ist, soll man auch nichts dafür kriegen. Warum übersetzt jemand, soll er gleich etwas Eigenes schreiben, nicht? Das ist eine furchtbare Arbeit des Dienens, das Übersetzen.”
Diese gegen die Übersetzer gerichtete Tirade kann man mit den berühmten Angriffen Bernhards auf Leitzordner oder fotografierende Menschen vergleichen. Aber wenn man wie Bernhard in die entgegengesetzte Richtung geht, spürt man dabei einen Hauch Bewunderung und die Anerkennung der Autorenrechte, die dem Übersetzer gebühren: „Ist ja das Buch von dem, der es übersetzt hat.” Es ist damit auch die Anerkennung der Besonderheit, der eigentümlichen Originalität der Übersetzung. Daher ist der nächste Satz irgendwie folgerichtig: „Der Übersetzer geht seinen eigenen Weg, und der setzt sich immer durch.” Ja, das ist schon wahr. Auch wenn der Übersetzer immer im Schatten bleiben will, setzt sich doch das Seine durch, weil die Übersetzung – was ja schon die antiken Philosophen so gut wußten, und auch Nietzsche so kräftig unterstrich – zwangsläufig eine Interpretation ist. Schon wegen der sprachlichen Unterschiede kann man keinem Schriftsteller verbum pro verbo folgen. Man muß wirklich seinen Bau ruinieren, aber nicht mit dem Ziel, die Ruine dann stehen zu lassen, sondern, um in seiner eigenen Sprache eine neue, gleichwertige und dem Geist des Originals entsprechende Konstruktion zu errichten, auch wenn es eher eine paraphrasis als metaphrasis ist.
In der Tirade von Bernhard ist aber noch etwas Interessantes enthalten. Er schreibt, dass das Übersetzen „eine furchtbare Art des Dienens“ sei. Hier möchte ich schon wieder in die entgegengesetzte Richtung gehen. Diese Funktion des Dienens ist meines Erachtens eben ein großer Wert, was die Kunst des Übersetzens anbelangt. Freilich braucht ein Schriftsteller niemandes Diener zu sein. Weder der Leser, noch der Kritiker oder Verleger. Er kann in ihnen Partner der literarischen Debatte sehen oder sie – wie zum Beispiel Bernhard – ein bißchen gönnerhaft behandeln, quasi wie ein Mentor, Lehrer oder Moralprediger. Ein Übersetzer muß dagegen hinnehmen, dass seine Rolle eben die eines Dieners ist, eines Vermittlers im Mikromaßstab (Autor – Leser), aber auch im Makromaßstab, d. h. beim Bauen des Einverständnisses zwischen den Literaturen, Kulturen und Nationen. Und so begreife ich auch meine Aufgabe.
Ich glaube, dass sich hinter den Worten des Mitleids von Bernhard auch ein Hauch Bewunderung entdecken läßt, die er den Übersetzern gegenüber ausspricht: „Arme Leute, die nichts kriegen für ihre Übersetzung, niedrigstes Honorar, himmelschreiendes.” Spiegelt sich denn in diesen Worten nicht das Schicksal jedes wahren Künstlers wieder? Man möchte hier die Zeilen aus dem Gedicht von Gottfried Benn „Satzbau” zitieren: „Warum drücken wir etwas aus?/ Überwältigend unbeantwortbar!/ Honoraraussicht ist es nicht,/ viele hungern darüber. Nein,/ es ist ein Antrieb in der Hand,/ ferngesteuert, eine Gehirnanlage.“
Ja: keine Honoraraussicht. Was also? Antrieb in der Hand?
Ich danke Ihnen, dass Sie zu dieser Feier so zahlreich gekommen sind und die Freude mit mir teilen wollen.