
Sehr geehrte Damen und Herren, als „polnische Stimme Herta Müllers“ erlaube ich mir, meine Danksagung mit ihren Worten zu beginnen: „Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsache werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort. Um im Bild des Umzugs zu bleiben, es ist mir beim Schreiben, als stelle sich das Bett in einen Wald, der Stuhl in einen Apfel, die Strasse läuft in einen Finger“.
So hat Herta Müller über das Schreiben geschrieben, das für sie eine Sache des Alleinseins ist, des inneren Gesprächs mit dem Geschehenen, mit den realen Gegenständen des Lebens. Diesem Gespräch folgt die Suche nach den Worten, denen „das Satzgefüge sein Gesetz beibringt“, die hellhörig und eigensinnig und durch ihr Gespür klug sind, die jede Normalität aus der Fassung bringen – d.h. es folgt das Gespräch der früher ausgehandelten Zustände mit dem Papier. Die Sätze auf dem Papier sind jedoch tot. Das Schreiben macht aus dem Gelebten Sätze, nie ein Gespräch. „Die Hälfte von dem, was der Satz beim Lesen verursacht, ist nicht formuliert“. Sie beginnen zu leben, wenn sie gelesen werden. Erst bei der Lektüre kann ein Gespräch und etwas ganz Spezielles entstehen – ein durch keine Gemeinschaft aufgezwungenes, ein freies Wir-Gefühl, bei dem der Mensch selber entscheidet, wann und mit wem er es teilen möchte.
Auch die Übersetzer kennen die Einsamkeit und solche „gespenstischen Umzüge“: das schon Gesagte, „den Irrlauf im Kopf“ hervorrufende, muss in eine andere Welt transformiert werden: man gelangt in die Bereiche, wo sich zwei Sprachen, von denen jede „andere Augen hat“, niemals berühren; man versucht zwischen zwei Kulturen zu vermitteln; man läuft den Worten nach, die manchmal in die Irre, manchmal zu beglückenden Entdeckungen führen.
„Von einer Sprache zur anderen passieren Verwandlungen. Die Sicht der Muttersprache stellt sich dem anders Geschauten der fremden Sprache. (...) Im einzig Selbstverständlichen blinkt auf einmal das Zufällige aus den Wörtern“ - so schildert Herta Müller ihre Erfahrung mit dem Leben in zwei Sprachen, die vielen von uns sehr bekannt vorkommt.
Das Übersetzen bedeutet einerseits akribische Arbeit, andererseits ist es aber ein spannendes Abenteuer, oft ein detektivistisches Verfahren und eine Entdeckungsreise. Meistens wähnt man sich einsam dabei, aber mitunter kommt auf eine wundersame Art und Weise das Wir-Gefühl auf.
Wenn ich als Leserin in einen Text eintauche, wenn er mich plötzlich über die Grenzen des Sagbaren führt, wenn mich mit der Autorin / dem Autor das Verstehen verbindet, entsteht ein Wir-Gefühl, das die Voraussetzung für das leidenschaftliche Übersetzen ist.
Ein anderes wunderbares und einmaliges „Wir“ verdanke ich der „Atemschaukel“: nach dem Nobelpreis von Herta Müller haben einige Übersetzer in verschiedenen Ländern zur gleichen Zeit an diesem Buch gearbeitet und ein Netz gebildet. Einige Monate lang lebten wir in einem sehr intensiven Gespräch – miteinander und mit Herta Müller: wir haben uns gegenseitig inspiriert und manchmal beneidet – um manche Möglichkeiten und Lösungen jeweiliger Sprache, die in der eigenen fehlen ...
Ein kleines Wunder ähnlicher Gemeinsamkeit geniesse ich während der „Behandlung der Schwerfälle“ mit meinen Übersetzer-Freunden, denen ich viele „Erleuchtungen“ verdanke und die immer auf die Hilfe-Rufe aus der Sackgasse antworten. Ich geniesse es auch in der Endphase der Arbeit an einem Buch, während der Gespräche mit einer Lektorin (ich benutze die weibliche Form, denn bis jetzt habe ich vor allem mit Frauen zusammengearbeitet), der ersten, aufmerksamen Leserin: Gespräche, Verhandlungen, gemeinsame Aha-Erlebnisse gehören dazu. Eine Vorahnung des Glücks der Gespräche, die Swetlana Geier mit ihrem Musiker-Freund, Herrn Klodt führte (im Film „Die Frau mit den 5 Elefanten“). Dass es Verlage gibt (in meinem Fall sind das sehr spannende Verlage Czarne und Pogranicze), die nicht nur offenes Ohr für die Vorschläge der Übersetzer haben, sondern auch die Bedeutung der Teamarbeit Übersetzerin/Lektorin anerkennen und sie ernst nehmen, ist höchst erfreulich.
Auch dieser Preis, der mich unsagbar beglückt, gehört zur Kategorie der Wir-Wunder. Erstens beweist er, dass die Übersetzer auf der Entdeckungsreise in die Literatur, auf der Wanderung zwischen den Sprachen nicht durchsichtig sind, dass sie wahrgenommen werden und bewusste, kritische Mitreisende haben. Zweitens hat dieser Preis in der Form, in der er dieses Jahr verliehen wurde, noch ein WIR der drei Preisträgerinnen ermöglicht: ich teile den Förderungspreis mit höchster Freude mit Ela Kalinowska und wir beide sind glücklich, zusammen mit Sława Lisiecka diese wunderbare Auszeichnung feiern zu dürfen. Ein grosser Dank dafür an alle, die diesen Preis ermöglichen, verleihen und sich mit uns zusammen freuen.