
Liebe Sabine Baumann,
sehr geehrter Herr Dr. Schaumann, sehr geehrte Frau Wyrwoll, lieber Claus Sprick, sehr geehrter Herr Bürgermeister Langemeyer, sehr geehrte Damen und Herren,liebe Freunde und liebe Mitarbeiterinnen des Europäischen Übersetzer-Kollegiums in Straelen am Niederrhein!
Zuerst sage ich Ihnen, liebe Sabine Baumann, im Namen der Jury, deren Sprecher ich bin, viele herzliche Glückwünsche zum Übersetzerpreis 2010 der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen, der Ihnen heute, jetzt und hier, im Europäischen Übersetzer-Kollegium, verliehen werden soll.
Der Preis wird in diesem Jahr zum siebten Mal vergeben. Es ist einer der großen deutschen Übersetzerpreise, der jährlich im Wechsel an einen deutschsprachigen Übersetzer fremdsprachiger Literatur und an einen Übersetzer deutschsprachiger Literatur in eine andere Sprache geht. Es ist ein sehr ehrenvoller Preis, und es ist zugleich der mit der höchsten Geldsumme ausgestattete Preis für literarische Übersetzer. Er erfreut sich nicht nur deswegen bei Übersetzerinnen und Übersetzern großer Beliebtheit.
Das Presseecho auf die Bekanntgabe der diesjährigen Preisträgerin wiederum ist ein Hinweis auf das hohe Ansehen, das der Preis in der literarisch interessierten Öffentlichkeit genießt.
Die Jury - Dr. Maike Albath, Hedwig Binder, Ganna-Maria Braungardt, Andrea Spingler und ich - hatte die schöne und schwierige Aufgabe, 53 (!) Anträge zu prüfen. Um die Vielfalt der Einsendungen zu charakterisieren, nenne ich hier nur die Sprachen, aus denen die 53 Bücher übersetzt worden sind: Amerikanisch, Arabisch, Bulgarisch, Chinesisch, Dänisch, Englisch, Finnisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Russisch, Serbisch, Spanisch, Türkisch, Ungarisch. Die Anträge kamen von Übersetzern, Verlagen und anderen Sachverständigen.
Um wenigstens die Endphase der Arbeit der Jury kurz zu beschreiben, berichte ich, dass wir uns, nach eingehender Vorbereitung, im März hier im Europäischen Übersetzer-Kollegium getroffen und zwei Tage lang beraten haben. Erleichtert wurde die Arbeit dadurch, dass wir uns über die preiswürdigen Übersetzungen und die dem hohen Anspruch genügenden Kandidaten ziemlich bald einig waren. Erschwert wurde uns die Arbeit dadurch, dass beinahe bis zum Schluss drei oder vier herausragende Übersetzungen übrig geblieben waren, über die wir heftig, temperamentvoll, immer freundlich diskutiert haben.
Die Entscheidung ehrt die zuletzt ausgeschiedenen Kandidaten, von denen, wie wir gerade zu unserer Freude erfahren haben, zwei inzwischen andere Preise zugesprochen bekamen. Die Entscheidung ehrt an erster Stelle die Arbeit der Amerikanistin und Slawistin Dr. Sabine Baumann.
Die Jury hat Sabine Baumanns in langjähriger Arbeit entstandene Übersetzung als ein unvergleichliches literarische Ereignis gewürdigt:
In ihrer Übersetzung von Puschkins „Eugen Onegin“ aus dem Russischen, bei der sie den Prinzipien Nabokovs folgte, der seinerseits Puschkins „Roman in Versen“ bewusst in Prosa ins Englische übersetzt hatte, offenbart sich zum erstenmal in deutscher Sprache der poetische Reichtum des Originals. Die überraschend modern anmutende Sprache der Erzählers changiert zwischen Anteilnahme und beißendem Spott, zwischen distanzierter Lakonie und herzzerreißendem Mitgefühl. Wir entdecken dank dieser neuen Übersetzung eine große tragische Liebesgeschichte.
Mit der gleichen Präzision und Eleganz sowie mit beeindruckender Sachkenntnis hat Sabine Baumann aus dem Englischen den 1300 Seiten umfassenden, in seiner Detailliertheit einmaligen, faszinierenden „Kommentar“ übersetzt, den Vladimir Nabokov in Amerika zu Puschkins Drama schrieb. Die vielfältigen und vielseitigen Erklärungen zu den Hintergründen des Dramas, bereichert um Erinnerungen Nabokovs an seine Kindheit und Jugend, erzählen zugleich die Geschichte des untergegangenen Russlands und seiner Literatur.
Der Übersetzerpreis der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen, der in enger Kooperation mit dem Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen vergeben wird, hat hier, in diesem Haus, wie die Jury dankbar erfahren hat, wie wir alle heute wieder erfahren, eine gute Heimstatt gefunden.
Der erste Leitsatz der Stiftung lautet: „Die Kunststiftung Nordrhein-Westfalen will das Besondere fördern und damit zu mehr Wagnis und Qualität in Kunst und Kultur herausfordern.“ Diese schöne, heute fast ungewöhnlich anmutende Idee hat in Sabine Baumanns Arbeit eine überraschende Verwirklichung erfahren. Das Besondere, das uns hier begegnet, ist die Übersetzung zweier zusammengehörender großer literarischer Werke von zwei weltberühmten Schriftstellern aus zwei verschiedenen Sprachen, dem Russischen und dem Englischen. Das andere ist das Wagnis: Wer je übersetzt hat, weiß, dass die Übersetzung eines großen literarischen Werks immer ein ungeheures Wagnis ist. In diesem Fall ging die Übersetzerin gleich zwei ungewöhnliche Wagnisse ein, und was entstand, hat die von der Stiftung gewünschte und erhoffte Qualität.
Die Übersetzung des zweibändigen Gesamtkunstwerks aus zwei Sprachen ist eine Pioniertat. Wir gratulieren Ihnen, liebe Sabine Baumann. Und wir bewundern zugleich das - in heutigen Zeiten ungewöhnliche - Wagnis, das Ihr Verleger KD Wolff, mit der Veröffentlichung des Werks im Stroemfeld Verlag eingegangen ist.