
Begrüßen wollte ich zu dieser Feier noch vor Herrn Bürgermeister Langemeyer zuallererst Sabine Baumann und Herrn Präsidenten Schaumann - aber der ist leider krank, so dass ich nicht in Versform fortfahren kann und an seiner Stelle Frau Wyrwoll herzlich begrüße,
sehr geehrter Herr Wolff, liebe Jury, meine sehr geehrten Damen und Herren,
Ich hatte mir so eine schöne Eröffnungsrede zurecht gelegt. Ich wollte damit beginnen, an die früheren Preisträger zu erinnern, an Thomas Reschke 2001, Bernhard Robben und Christa Schünke 2003, den Dänen Niels Brunse 2005, Barbara Kleiner 2007, Gerhardt Csejka 2008 und den Franzosen Pierre Deshusses 2009, um dann einen Bogen zu schlagen zu Sabine Baumann und aufzuzeigen, dass sich dies alles in eine wohl überlegte Konzeption einfügt, die allein der übersetzerischen Qualität verpflichtet ist und herausragenden Leistungen die Anerkennung zollt, die sie verdienen.
Aber dann hatte ich gestern Nacht diesen Albtraum, von dem ich Ihnen erzählen muss.
Ich schlief ohnehin schlecht, weil mir die surrenden Vuvuzelas vom letzten Fußballspiel nicht aus dem Kopf gingen, und plötzlich erschien mir im Traum Roland Berger, der Chef der gleichnamigen Consultingfirma, die Wirtschaft und Politik berät, und er verkündete mir, dass er auf Geheiß der EU-Kommission mit sofortiger Wirkung die kommissarische Leitung der Regierungsgeschäfte in Nordrhein-Westfalen übernommen habe. „Wieso denn das?“, stöhnte ich.
„Nun, weil das Land Nordrhein-Westfalen offenbar nicht die Kraft hat, eine Regierung zu bilden!“ Und während ich noch darüber nachdachte, wie er das wohl gemeint hat, fuhr er fort: „Deshalb werden wir jetzt alles auf den Prüfstand stellen, was Geld kostet, vor allem die Kulturpolitik des Landes und insbesondere den Etat der Kunststiftung NRW und die Zuschüsse an das Europäische Übersetzerkollegium.“ „Aber wir wollen doch morgen die Verleihung des Übersetzerpreises der Kunststiftung NRW feiern“, erwiderte ich, „und das ist doch eine großartige Sache, die unbedingt jede Förderung verdient!“ „Das sehe ich ganz anders,“ sagte Roland Berger und sah mich durchdringend an. „Wir haben eine ausgewachsene Wirtschaftskrise und können uns daher keine Entscheidungen einer Jury leisten, für die wirtschaftliche Überlegungen offenbar völlig fremd sind. Es ist doch schon unverantwortlich, die Leute zu animieren, stundenlang Puschkin zu lesen, statt in dieser Zeit shoppen zu gehen und den privaten Konsum anzukurbeln. Ausserdem ist dieser Eugen Ohnegin oder wie er heißt doch ein Quotenflop: mitten im Roman erschießt er im Duell diesen Sympathieträger Lenski, die zweite Hauptfigur, und vermasselt damit unwiderruflich das Happy End einer vielversprechenden Liebesgeschichte, mit anderen Worten, jede Chance auf eine lukrative Hollywood-Verfilmung. Mehr noch: da soll ein hochdotierter Preis vergeben werden, weil jemand diesen Versroman von Puschkin neu übersetzt hat, obwohl schon fast ein Dutzend Übersetzungen vorliegen, die sich auch noch nicht amortisiert haben. Und wozu überhaupt eine Übersetzung, wenn in ihr das Gleiche steht wie im Original? Wo ist da der volkswirtschaftliche Mehrwert?“ „Na hörnse mal“, wollte ich ihm ins Wort fallen, aber Roland Berger war nicht mehr zu bremsen: „Und dazu noch dieser überflüssige, dicke zweite Band, in dem dieser Lolita-Nabokov sich lang und breit darüber ausläßt, was ihm alles bei der Übersetzung ins Englische zu Puschkin eingefallen ist. Muss das denn auch noch wieder ins Deutsche übersetzt werden, damit der deutsche Leser weiß, was ein anderer Übersetzer sich bei der Übersetzung in eine andere Sprache gedacht hat? Das ist doch alles ungereimt - so wie die Übersetzung selbst! Tut mir leid, aber die Veranstaltung morgen muss ausfallen."
Da wachte ich schweißgebadet auf und sah, dass ich noch sechs Stunden Zeit hatte, meine Eröffnungsrede umzuschreiben. Hier ist sie also:
Ich freue mich, dass dies nur ein Albtraum war und sich stattdessen ein anderer Traum erfüllt, der auch ein ganz persönlicher Traum war. Denn Puschkins Jewgenij Onegin war das Buch, das mich als Sechzehnjährigen so fasziniert hatte, dass ich auf dem Gymnasium drei Jahre lang einen Russischkurs belegte, um dieses Buch im Original lesen zu können. Jetzt werde ich mit mehr Verstand nachlesen können, was ich mir damals natürlich nur ansatzweise erschließen konnte.
Ich freue mich aber auch, weil ich mir sicher bin, dass die Gründer unseres Übersetzerkollegiums, wenn sie noch unter uns wären, die Jury zu dieser Entscheidung beglückwünschen würden, und zwar gerade wegen der ungewöhnlichen Kombination aus einer Neuübersetzung des Jewgenij Onegin und einer Übersetzung des Kommentars von Nabokov zu diesem Werk.
Klaus Birkenhauer hätte sich gewiss gefreut, dass nun endlich auch dieses wichtige Werk des Schriftstellers und Übersetzers Wladimir Nabokov auf Deutsch vorliegt. Denn er selbst kannte und schätzte seinen Nabokov wie nur wenige, hatte er doch zwei frühe Romane von ihm, Maschenka und Verzweiflung, ins Deutsche übersetzt - beide Übersetzungen haben Eingang in die von Dieter E. Zimmer herausgegebene und bei Rowohlt erschienene Nabokov-Werkausgabe gefunden, und auch Klaus Birkenhauer hätte dem Stroemfeld-Verlag für dieses letzte editorische Wagnis gedankt, das Rowohlt leider nicht mehr eingehen wollte. Diesem Dank möchte ich mich hier ausdrücklich anschließen.
Und Elmar Tophoven hätte sich gewiss gefreut, weil mit Nabokovs Kommentar nun auch auf Deutsch etwas zugänglich wird, was er selbst stets angeregt und gefordert hatte: nämlich dass der Übersetzer -Nabokov- die unschätzbar wichtigen Erkenntnisse und Einsichten, die er bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem Original gewonnen hat, nicht mit ins Grab nimmt, sondern zu Papier bringt und mit anderen zu teilen bereit ist. Nabokov ist zwar methodisch anders vorgegangen als Tophoven, aber auch die eher essayistische Darstellung Nabokovs darf wohl mit Fug und Recht dem „transparenten Übersetzen“ zugerechnet werden, das Elmar Tophoven zeitlebens propagiert hat.
Schon der beeindruckende Umfang dieses Kommentars lässt erahnen, welche Fundgrube sich hier für andere Übersetzer eröffnet, auch wenn sie nicht gerade Puschkin übersetzen - an diesem Erfahrungsschatz teilhaben zu dürfen ist ein seltener Glücksfall. Und Sabine Baumann hat uns nicht nur dieses Glück vermittelt, sondern mit ihrer Neuübersetzung des Jewgenij Onegin zugleich ein einzigartiges Experiment hinzubeschert.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Natürlich wird es dieser Neuübersetzung nicht gerecht, sie als Experiment zu bezeichnen. Nennen wir es also ein Wagnis, dessen Ergebnis eine deutsche Fassung ist, die auch für sich allein eine bewundernswerte Bereicherung darstellen würde.
Aber gerade dieses Wagnis ist es, was uns Übersetzer interessiert: eine Übersetzung, die auf den Reim verzichtet, um keine Kompromisse eingehen zu müssen und das umzusetzen, was Nabokov mit seiner Übersetzung exemplarisch vorgeführt hat. Ich will nicht in Einzelheiten gehen, aber vereinfacht gesagt hat Sabine Baumann uns hier gezeigt, wie Nabokov den Jewgenij Onegin übersetzt hätte, wenn Deutsch zu den Sprachen gehört hätte, die er beherrschte.
Das hat die Sache gewiss nicht einfacher gemacht, und ich bewundere die hier an Selbstverleugnung grenzende Demut, die damit verbunden sein muss, sich sprachlich und gedanklich in einen Nabokov hineinzuversetzen, der sich seinerseits in einen Puschkin hineinversetzt. Gedanklich sozusagen die Puppe in der Puppe, ein sehr russisches Motiv, und aus dieser doppelten Verpuppung ist nun mit Sabine Baumanns Neuübersetzung des Jewgenij Onegin ein literarischer Schmetterling entstanden, der Nabokov sicherlich entzückt hätte - schließlich war er auch Schmetterlingsforscher und hatte sich nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten in den vierziger Jahren sein erstes Geld damit verdient, Schmetterlinge für das Museum für vergleichende Zoologie der Universität Harvard zu katalogisieren.
Ich erwähne das, um in Erinnerung zu rufen, dass auch ein literarisches Genie wie Wladimir Nabokov - jedenfalls vor seinem Erfolgsroman Lolita (1955) - nicht allein vom Schreiben und Übersetzen leben konnte - und deshalb anständig dotierte Übersetzerpreise wie der der Kunststiftung NRW für die Erhaltung der künstlerischen Artenvielfalt von existentieller Bedeutung sind.
Und noch eins: Sollte mir Roland Berger noch einmal im Traum erscheinen, hoffe ich, dass er mich diesmal ausreden lässt. Ich weiß jetzt, was ich ihm erwidern würde, und notfalls wäre ich auch bereit, mich mit ihm zu duellieren. Ich würde dann Helmut Frielinghaus, dem ich nun das Mikrofon überlasse, bitten, mein Sekundant zu sein.
Ich danke Ihnen.