2009 wurde der französische Übersetzer Pierre Deshusses für seine Arbeit mit dem Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW ausgezeichnet, wobei besonders seine Übersetzung von Hugo von Hofmannsthals Erzählungen „Wege und Begegnungen“ ins Französische („Chemins et rencontres“) gewürdigt wurde.
Am 8. September 2009 fand in diesem Zusammenhang im Europäischen Übersetzer-Kollegium ein französisch-deutsches Übersetzer-Colloquium zum Thema „‹L'incompréhension› - Das Unverständnis“ statt.
Der Übersetzer gilt normalerweise als der, der gerade versteht, was die anderen nicht verstehen. Er kann nämlich eine Sprache, die andere nicht beherrschen. Und doch gibt es eine Menge Sachen, die ich als Übersetzer immer noch nicht verstehe: In der Sprache, sowohl der deutschen wie der französischen; in der Kultur der beiden Ländern; in meinem Job.
In Anlehnung an Georges Perecs Buch: „Je me souviens“ („Ich erinnere mich an ...“), werde ich Ihnen ein paar Dinge mitteilen, die ich nicht verstehe.
Ich verstehe nicht, warum „comprendre“ auf deutsch „ver/stehen“ heiβt. Was ist eigentlich schief an diesem Stand?
Ich verstehe nicht, warum das französische „impertinent“ nicht das Gegenteil von „pertinent“ ist.
Ich verstehe nicht, warum wir kein französisches Wort für „Erlebnis“, „Gemütlichkeit“, „Unbefangenheit“ haben.
Ich verstehe nicht, warum es kein deutsches Wort gibt für „caprices“, „jouir“, „émotion“, „hôtel“.
Ich verstehe nicht, warum die französische Sprache so arm an Lauten aller Art ist, während die deutsche Sprache „dröhnen“, „knistern“, „rascheln“ … kann.
Ich verstehe nicht, warum eine „Kinderstube“ kein „Kinderzimmer“ ist und warum man ein „Frauenzimmer“ nicht betreten kann.
Ich verstehe nicht, warum immer noch so wenige Franzosen wissen wollen, daβ die deutsche Sprache die meistgesprochene in Europa ist.
Ich verstehe nicht, warum ein in Frankreich verkauftes deutsches Buch ab 3000 Exemplaren ein groβer Erfolg ist, während ein amerikanisches Buch die Zahl von 30000 Exemplaren erreichen muβ, um als Bestseller zu gelten. Vielleicht ist ein Deutscher zehn mal mehr Wert als ein Amerikaner.
Ich verstehe nicht, warum Deutsche gute Bücher schreiben und Amerikaner oft daraus so schlechte Filme drehen.
Ich verstehe nicht, warum Süskind nicht mehr schreibt und Schlink immer noch.
Ich verstehe nicht, warum kein französischer Verlag an „Hunger auf Leben“ oder „Die Strudelhofstiege“ interessiert ist.
Ich verstehe nicht, warum das deutsche Volk sich nicht auflehnt, um die Rechtschreibreform einstimmig abzulehnen.
Ich verstehe nicht, warum es immer mehr Frauen im Schul-, Gesundheits- und Pflegewesen, sowie auch im „Übersetzungswesen“ gibt, mit anderen Worten: überall wo man sich um die anderen (Schüler, Kranken, Autoren …) kümmert. Hat das nur finanzielle Gründe, oder ist es ein Zeichen, daβ man weibliche Eigenschaften besitzen muβ, um gut übersetzen zu können?
Ich verstehe nicht, warum Forscher und Wissenschaftler allerlei Menschen - Autisten und Nonnen, Mönche und Buddhisten - mit Elektroden und Meβgeräten untersuchen, um zu sehen, was in ihrem Kopf passiert, und noch keinen Übersetzer oder Übersetzerin. Hat die Forschung Angst, daβ die Geräte dabei kaputtgehen oder explodieren? Haben sie Angst vor dem Chaotischen, das das Gehirn beherrscht, wenn man übersetzt? Es ist nämlich eine geheimnisvolle Sache, die sich nicht so leicht erfassen läβt: Ich meine den Übergang einer gewissermaβen Dunkelzone, wenn man schon die zu übersetzende Sprache verlassen hat und die andere Sprache noch nicht erreicht hat, wenn man, gleich einem Schmuggler, in dem die Gipfel umhüllenden Nebel jenes Niemandslandes schreitet.
Für einige dieser Augenblicke zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht, zwischen Schwindel und Suche, könnte vielleicht der Übersetzer eine Erklärung geben, wenn er Notizen über seine Arbeit gemacht hätte, wenn er sich selber sorgfältig beobachtet und in sich hineingehorcht hätte. Aber trotzdem wäre er an dem Wesentlichen vorbeigegangen, glaube ich, weil der Übersetzer aus Ressourcen schöpft, die äuβerst persönlich sind, Bildern, Erinnerungen, Kenntnissen, Lektüren, Erfahrungen, derer er sich nicht unbedingt bewusst ist. Denn was der Übersetzer wiedergeben muβ, das sind nicht nur die Wörter, die logischen und sinnfälligen Sequenzen, sondern auch was zwischen den Wörtern haust, dieses Flüssige, Untastbare, das man Vibrationen nennen kann. Um das wiedergeben zu können, darf der Übersetzer nicht außerhalb des Textes bleiben, er kann sich nicht begnügen, ihn wie einen leblosen, objektiven Stoff zu betrachten.
Die Wörter eines Textes schöpfen ihr Leben aus ihren Beziehungen zueinander, sie sind nicht so sehr Objekte oder klar umrissene Elemente eines Baus, sondern eher Ereignisse - "Evokationen" - und ein und dasselbe Wort wird nicht unbedingt auf die gleiche Art und Weise an einer Stelle und an einer anderen Stelle des Textes übersetzt werden, das hängt von dem Zusammenhang, von seinem Milieu, seiner philologischen Nische ab. Diese Begebenheit bricht mit dem Modell der Kausalität, die zu einem groβen Teil unserem Verhalten gegenüber dem Wissen zugrundeliegt, denn sie lässt durchblicken, im Falle der Übersetzung, daβ einer Kausalität (einem Wort in einer Sprache) kein automatischer Effekt (ein Wort in einer anderen Sprache) entspricht. Jede Sprache ist versiegelt, und der Schlüssel ist nicht in den Wörterbüchern zu finden. Auch nicht in den Maschinen.
Ich verstehe nicht, warum die Franzosen, dieses angeblich arrogante Volk, so stolz auf seine kulturelle Überlegenheit, Filmtitel immer weniger übersetzt und dabei die amerikanischen ohne weiteres akzeptiert. Vielleicht weil sie das Wort „unglorious“ nicht kennen (aber „bastards“ schon!?). Are they definitively lost in translation?
Ich verstehe nicht, warum man „traduire“ für das Schriftliche und „interpréter“ für das Mündliche sagt. Wäre es nicht ratsam, daβ die französischen Dolmetscher nicht „deuten“ (interpréter) sondern nur genau übersetzen. Vielleicht sind sie daran schuld, daβ die internationalen Konflikte trotz allerlei Konferenzen immer nocht nicht gelöst sind. Sind die „interprètes“ ein störendes, unbekanntes Element in den internationalen Friedensprozessen?
Aber die Übersetzer stören auch manchmal in einer anderen Hinsicht – der der Schrifsteller. Nachdem die Ayatollas und radikalen Muslime, in Form einer Fatwa, Salman Rushdie wegen seines Buches Die satanischen Verse zum Tode verurteilt haben, wurden, weil sie den Autor nicht umbringen konnten, auf Übersetzer des Buches mehrere Anschläge verübt. So wurde Hitoshi Igarashi, – der japanische Übersetzer – ermordet und der italienische Übersetzer, Ettore Capriolo, schwer verletzt.
Ich weiβ nicht, warum ich als Schüler Deutsch als Fremdsprache gelernt habe und warum ich dann Übersetzer geworden bin. Das versuche ich nicht zu verstehen. Eins weiβ ich aber: es ist eine groβe Freude und eine Ehre, diesen Preis bekommen zu haben. Ich bedanke mich bei allen, die heute hier sind und dazu beigetragen haben. Ich war schon mehrmals in Straelen bei Workshops mit Josef Winiger. Es ist sehr wertvoll, anderen Übersetzern und Übersetzerinnen hier begegnen zu können, sie direkt befragen zu können, Meinungen auszutauschen. Zwar helfen Computer und Internet viel bei dieser Arbeit - und nebenbei gesagt, verstehe ich nicht, wie ich früher ganze Bücher nur mit einem Kugelschreiber habe übersetzen können – aber der direkte Kontakt mit anderen Übersetzern aus allen Ländern ist unersetzlich und Straelen bietet diese unvergleichbare Möglichkeit.
Apropos Informatik: Ich verstehe immer noch nicht, warum ich auf „START“ klicken muss, wenn ich meinen Computer ausmachen will! Vielleicht nur ein Zeichen, daβ die Übersetzung auch eine Geschichte ohne Ende ist.
Pierre Deshusses wurde 1952 in Lyon geboren. Er hat mehr als fünfzig Übersetzungen deutschsprachiger Autoren (Romane, Erzählungen, Theater, Essays) veröffentlicht, unter anderem von Goethe, Kleist, Jean Paul, Heine, Hofmannsthal, Doderer, Brecht, Ernst Weiß und Karl Krauss, aber auch von zeitgenössische Autoren wie Karen Duve, Markus Werner, Alexander Kluge oder Helmut Krausser.