Sehr geehrter Herr Sprick, sehr geehrter Herr Grosse-Brockhoff, Herr Dr. Schaumann, meine sehr geehrten Damen und Herren
Dass ich heute hier stehe „und nicht anders kann“, als Dank zu sagen, ist - ganz nüchtern sachlich betrachtet - unglaublich. Auch unglaublich schön für mich, versteht sich, doch vor allen Dingen: einfach schwer zu fassen. So ist die erste, reflexhafte Regung meines Dankes sehr allgemein an alle und alles gerichtet, Menschen, Umstände, Institutionen, die - mathematisch gesprochen - als „Faktoren“ zusammengewirkt haben, um dieses aus meiner Sicht so erfreuliche Ergebnis hervorzubringen.
Wollte ich alle (alles) systematisch der Reihe nach aufzählen, müsste ich wohl zuvörderst dem Autor dafür danken, dass er dieses beeindruckende Buch geschrieben hat, dem Humanitas-Verlag in Bukarest und dem Zsolnay-Verlag in Wien, dass sie es gedruckt haben, aber auch jenen unter den Kritikern und Lesern/Lektoren - Jurymitglieder inklusive - die sich davon haben beeindrucken lassen; ja genau genommen müsste ich auf dieser anderen, der Rezeptionsseite ebenfalls bis an gewisse Ursprünge zurückgehen, also etwa den Gründern des Übersetzerpreises oder gar der Kunststiftung und des Übersetzerkollegiums selbst ein Dankeschön zurufen. Und so weiter, ich käme dabei sicher gut und gerne auf den Umfang eines Kapitels in Cărtărescus „Wissenden“ und hätte am Ende doch nicht alle und alles genannt.
Also bleibe ich lieber strikt beim Übersetzen und verspreche zum Dank für die Auszeichnung der “Wissenden“ auch die beiden Folgebände der Cărtărescu-Trilogie dem deutschen Leser nahe zu bringen, so gut ich kann und mich auch sonst gerne in den „Fergendienst“ zwischen seiner Kunst und der deutschen Kultur zu stellen.
Dabei werden die „Verwerfungen der rumänischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts“, die der erste Band erahnbar macht, sehr viel direkter und massiver ins Blickfeld rücken, was dem interessierten Außenstehenden die Lektüre insofern erleichtern dürfte, als er die gewohnte Zaungastperspektive besser beibehalten kann; während der Übersetzer ganz im Gegenteil kniffligere Aufgaben zu lösen bekommen wird, sobald mehr alltagssprachliches und idiomatisches Rumänisch im fremden Umfeld des Deutschen funktionsfähig reproduziert werden soll.
Die große Herausforderung des ersten Bandes lag woanders. Ganz gleich, ob der kleine Mircea zum Fenster hinausschaut, ob die junge Maria ins Kino geht oder der rätselhafte Herman auf Ancas Kopfhaut ein kunstvolles Universum tätowiert, stets geht es um ALLES, stets liefert die Sprache ungemein dichte, drängend präzise Beschreibungen der Mehrschichtigkeit, Mehrdeutigkeit des Wahrgenommenen sowie des subjektiven Erlebens von Wahrnehmung. Stets scheint der ganze Beziehungsreichtum der Sprache aus der gesamten einschlägigen Menschheitserfahrung gespeist.
„Ich lief um Anca herum, versuchte Verbindungen herzustellen, diesen flügelförmigen Fleck mit jener Linie zusammenzubringen, die wie ein mehrgliedriges Spinnenbein aussah, diese bekannt wirkende Gestalt mit jenem Grafitto an einer öffentlichen Toilette, diesen sehr deutlich gemalten Buchstaben (ein hübsch violettes M in Antiqua-Kapitälchen) mit jenem nackten und erzengelgleich schönen Mann “¦ Doch mir fehlte der Schlüssel und ohne ihn fand ich nicht heraus aus Chaos und Verzweiflung. Wie in einer Kaffeetasse, wie auf einem Schildkrötenpanzer, wie in den durchlaufenden und unterbrochenen Linien des Buches der Wandlungen, wie in einer offenen Hand, deren gespreizte Finger die Welt umfassten, wie in einem wirren Traum, einer obskuren Prophetie versuchte ich, ein Katoptromant des Gedächtnisses, die Botschaft aus einer anderen Welt zu erraten - durch das Dunkel einer Überzahl an Farben, durch die Obszönität einer übergroßen Keuschheit hindurch.“
Kaffeetasse, Schildkrötenpanzer, I Ging (das Buch der Wandlungen), die Linien einer offenen Hand - und schließlich der Spiegel der Katoptromantie (eine seit der Antike geübte Wahrsagungsart: durch In-den-Spiegel-Schauen) - da wird, kurz gefasst, für einen schlichten Vergleich die ganze Orakeltradition bis hin zu ihren schamanistischen Wurzeln aufgewandt. Allerdings ist das sprachlich - bis auf die vielleicht weniger bekannte Katoptromantie, die man eben nachschlagen muss - nicht weiter schwierig. Ins Stocken geriet ich hingegen bei Passagen, wo die fachterminologischen Anteile - Entomologie, Anatomie, Neurologie, aber auch Nanologie - überwogen, denn im Deutschen stechen sie so gut wie immer als Fremdkörper hervor, da sie in nicht allgemein verständlichem Latein oder Griechisch gebraucht werden (was im rumänischen Original zumindest vom Klang her weniger „barbarisch“ wirkt).
Doch abgesehen davon, dass jeder Verdeutschungsversuch alles noch grauslicher und auch unverständlicher gemacht hätte, fand ich die Analogie zur multiplen Überlagerung wissenschaftlichen und technischen Fachwissens im Kauderwelsch des Computerzeitalters durchaus plausibel, auch wenn sich bei Cărtărescu recht viel klassisches Bildungswissen dazwischenmischt. Das sticht jedoch nirgendwo protzerisch hervor, sondern ist in aller Regel präzisester Ausdruck eines Gedankens oder Bildes, in konsequenter plastischer Darstellung einer bestimmten Weltsicht. Und ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sich auf den gut 500 Seiten des Buches nicht durchgängig die eine Philosophie des Autors Cărtărescu illustriert findet, sondern immer wieder unterschiedlich gemusterte Ansätze der Weltdeutung, der Sinngebung, diverse mentale und/oder ideologische Prägungen sprachliche Gestalt annehmen und gleichsam wie Motivverkettungen in der Musik bestimmte Positionen oder Charaktere symbolisch evozieren.
„Die Vergangenheit ist alles, die Zukunft ist nichts, einen anderen Richtungssinn kennt die Zeit nicht.“ Diese markige Formulierung einer Binsenweisheit steht am Anfang eines Kapitels, wo in kraus poetischer Inspiration und in überaus bestimmter, entschiedener Diktion „philosophische“ Visionen entwickelt und Sentenzen geschmiedet werden, wie man sie in der intellektuell reizvollen Gegend zwischen Orient und Okzident nicht selten dozierend vorgesetzt bekommen kann.
(„Dass wir Larven eines Astralwesens sind, wird am verlängerten Mark unseres Hirnstammes deutlich. Sieht man das Rückenmark als Wurzel und die beiden Hemisphären in der Schädelhöhle als fleischige Keimblätter, so ist die Ähnlichkeit mit einem just entsprossenen Pflänzchen unverkennbar.“ usw.)
Wer etwas erfahren möchte über den eigenartigen Kulturraum, wo derlei wächst, der auch schon mal leicht boshaft „Halb-Asien“ genannt worden ist und an dessen Rand sich Rumänien befindet, der wird hier charmant, wenn auch etwas schelmisch bedient, wer aber die Stimme, die hier spricht, kurzerhand mit der des Autors identifiziert, wird, fürchte ich, den ganzen Roman falsch lesen.
Zwar sollte man, um dem Buch auf seinen philosophischen Grund zu kommen, die von fernöstlichen Lehren ausgehende Faszination gewiss mit bedenken, dennoch wird das apokalyptische Schlussbild des ersten Bandes kaum anders denn als verspielt-ironisches Zitat eines fremdartigen Diskurstyps gedeutet werden können: Ganz zuletzt kommt angesichts zweier Götter die verzweifelte Frage auf, welcher von beiden der unsere sei, da zeigt Er sich dann „in einer dichten Welt, in dichtem Licht, und entlang seiner Wirbelsäule gingen im durchsichtigen Fleisch sechs Chakras auf wie sechs fleischfressende Blumen. Die siebente Chakra, Shahasrara, die Diamantsphäre, brannte jetzt auf Seinem Kopf.“
Ein Autor wie Mircea Cărtărescu, der so weit über den rumänischen Horizont hinausgreift, der von früh auf welthungrig war, ja die Welt als Sprache, als Wörterthesaurus in seinem Gehirn hortete und damit im lockeren Zugriff jedes Detail und jede Nuance der Wirklichkeit genau setzen kann, dem ganze Diskurstypenprogramme zur Verfügung stehen, so dass er jederzeit einen akademischen Vortrag halten, eine politische Kolumne verfassen oder einen Witz erzählen kann, ist dennoch, oder zum Teil gerade deshalb, in seinem Blick auf die Welt zutiefst bestimmt von seiner rumänischen Kultur und Erfahrung.
Ich finde es höchst bemerkenswert, wie unverfälscht er sich und seine Lebenswelt (zu Kunst verarbeitet) „ausstellt“, wie souverän er in seiner Kunst auch zu seinen Schwächen steht, und da mich die Umstände meines Lebens nah genug herangeführt haben an die Sphäre, die sein Leben bestimmte - eine komplizierte, von der Geschichte nicht eben privilegierte Welt - sehe ich es als Privileg an, der deutschen Sprachwelt vermitteln zu können, welch großartige Literatur vor jenem schwierigen Hintergrund entsteht.