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Dr. MAIKE ALBATH - LAUDATIO

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Christa Schuenke!

 

Wussten Sie, dass Schriftsteller auf Bäumen leben?

 

Es wird Sie überraschen, aber genauso ist es. Schriftsteller leben auf Kastanien, Platanen, Erlen, Eichen, Linden, Birken und manchmal sogar auf Kiefern. Dort oben fliegt ihnen die Inspiration leichter zu.

 

Sie sind grüngesichtig, eher klein, ziemlich dünn, verbringen die Mußestunden in bequemen Nestern, lassen sich an den Beinen hängend kopfüber nach unten baumeln, um ihre Gedanken zu sammeln.

 

 

Dafür gibt es Zeugen. Der italienische Schriftsteller Ermanno Cavazzoni hat die Gepflogenheiten dieser Spezies beobachtet und ein Lehrbuch für Aspiranten der schreibenden Zunft verfasst, Die nutzlosen Schriftsteller heißt es. Cavazzoni berichtet, wie eines Tages sieben Erdschriftsteller, die große Schwere besaßen, die Baumschriftsteller aufspüren, mal zur Probe einen herunter schütteln und mit ihm in Streit geraten. Um Genaueres über diese merkwürdigen Kollegen mit ihren eigentümlichen Angewohnheiten in Erfahrung zu bringen, klettert einer der Erdschriftsteller auf den Baum, wo er sich allerdings nicht sonderlich wohl fühlt. Ein Disput über die Höhe der Inspiration und die Tiefe der Erdenschwere entbrennt, und am Ende kehren die Erdschriftsteller zu ihren Ehefrauen zurück und überlassen die Baumschriftsteller, die natürlich unverheiratet sind, ihren luftigen Gedanken.

 

 

Ich glaube, Ermanno Cavazzoni hat sich geirrt. Die Erdschriftsteller gibt es nämlich gar nicht. Die Erdschriftsteller sind in Wirklichkeit die Übersetzer. Denn sie holen die höhentrunkenen Baumschriftsteller auf die Niederungen der Ebene zurück. Sie stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden ihrer Muttersprache, sind in ihr verwurzelt und prüfen die Äste und Zweige des emporgeschossenen Baumes, auf dem der Schriftsteller sein Werk ersann, auf seine Tauglichkeit. Sie verpflanzen ihn mitsamt dem Schriftsteller in ein anderes Land und in einen anderen Erdboden, wo der Baum neue Blüten treibt, ausschlägt, grüne Blätter bekommt, wächst und einem anderen Rhythmus der Jahreszeiten unterworfen ist. Vielleicht dauert in dem neuen Land der Winter länger, vielleicht ist der Herbst kürzer und der Sommer sehr feucht. Übersetzer sind diejenigen, die für die Qualität des Bodens und das Wachstum des Baumes sorgen, sie pflegen den Baumschriftsteller auf seinem fremdländisch gewordenen Wohnsitz und ringen ihm unvermutete Kunststücke ab.

 

 

Unsere Preisträgerin Christa Schuenke ist also eine Erd-Übersetzerin, eine, die unter dem Baum Platz nahm, auf dem Hermann Melville saß, als er seinen Pierre schrieb. Melville, da bin ich mir sicher, bewohnte eine Vielzahl von Bäumen. Während der Niederschrift von Moby Dick war es vielleicht eine Eiche, dieses Mal könnte es eine Ulme gewesen sein. Ein knorriger Baum jedenfalls, etwas verwachsen, überreich an Blattwerk. Seine eigentümliche Schönheit lernt man erst nach einer Weile zu schätzen.

 

 

Pierre oder die Doppeldeutigkeiten lautet der vollständige Titel dieses widerspenstigen und zugleich großartigen Werkes, gemeint sind die doppeldeutigen Gefühle, die inzestuösen Verstrickungen, die Wirrnisse des Lebens und der ambivalente Charakter der verführerischen Isabel. Die geheimnisvolle, dunkle Isabel gibt sich als Halbschwester Pierres zu erkennen und provoziert dadurch die Auflösung der Verlobung mit der tugendhaften Lucy. Die schwankende Wahrheitssuche Pierres, dessen inneres Koordinatensystem durch den nächtlichen Brief seiner vermeintlichen Halbschwester vollständig zerbricht, ließe sich auch als ein Bild für die Übersetzungsarbeit auffassen.
 

Denn Doppeldeutigkeiten, ambiguities, sind Teil der Sprache, sie liegen im Wesen der Sprache begründet. Sprachliche Fremdheit gibt es schließlich nicht nur zwischen zwei verschiedenen Sprachen, sondern auch innerhalb einer Sprache. Das macht ihre Schönheit ja gerade aus. Jedes Individuum hat eine eigene Sprache, eine typische Intonation und Klangfarbe, und auch ein eigenes Ausdrucksvermögen, einen besonderen Wortschatz, in dem sich Spuren von Slang oder Fachvokabular ablagern. Obwohl wir uns miteinander verständigen können und dieselbe Sprache sprechen, bleibt ein Rest von Nicht-Verstehen erhalten.

 

 

Dieses Unverständnis ist sogar notwendig, es ist der Grund des Sprechens überhaupt - denn wenn wir uns, wie es laut der Bibel die Engel tun, direkt in die Seele schauen könnten, brauchten wir den Umweg über die Sprache nicht zu nehmen. Dieser Umweg ist unser Reichtum, aber er produziert auch immer Uneindeutigkeit. John Locke hat die Wörter einmal als den „mist before our eyes“ bezeichnet, die den klaren Blick auf die Dinge verschleiern und die Erkenntnis der Wahrheit vernebeln. Aber um diesen Nebel geht es uns gerade, denn in ihm liegt die Eigenheit einer jeden Sprache verborgen. Doppeldeutigkeiten, Sinnschwankungen, vielschichtige Wortgebilde mit mehreren Ebenen sind das täglich Brot des Übersetzers.

 

 

Ihre Arbeit - und ihre Kunst - besteht darin, das Schillern, die prismatischen Brechungen, die in einem Wort enthalten sind, mitzutransportieren. Die Doppeldeutigkeiten auch auszunutzen, sie in die eine oder andere Richtung zu drehen, wie einen Diamanten, der je nach Lichteinfall anders zu funkeln beginnt.

Christa Schuenke ist eine Sprach-Künstlerin, sie weiß das Deutsche wie ein Orchester zu dirigieren, und ihre Pierre-Übersetzung gleicht einer Symphonie. Da wechseln melancholische Basslinien mit einem aufgeregten Pizzicato der Violinen, nach Trommelwirbeln und Beckenschlägen übernimmt die Klarinette das Thema, die Celli haben in den Naturbeschreibungen große Soli, der kühle Ton der Posaunen kündigt das drohende Verhängnis der Protagonisten gleich zu Beginn an.

 

 

Christa Schuenke hat ein großes Register an Klangfarben und Tempi, sie hebt den Taktstock und treibt mal die Bläser, mal die Streicher an, variiert Crescendi mit Diminuendi und bringt das emphatische Sehnen des Helden, die Dramatik seiner seelischen Nöte im Deutschen zum Ausdruck. Als Pierre mit seiner strahlenden Lucy einen Ausflug unternimmt und die fatale Begegnung mit Isabel noch fern scheint, heißt es: „Bald zogen die flinken Pferde dieses schöne Götterpaar nach den bewaldeten Bergen hin, deren fernes Blau, nunmehr in mannigfache Schattierungen von Grün verwandelt, vor ihnen aufragte wie die alten, von Grün überwucherten Mauern Babylons, während sich hier und da in regelmäßigen Abständen, steinernen Türmen gleich, verstreute Gipfel erhoben und die Fichtengruppe auf ihren Zinnen Ausschau hielten wie hochmütige Bogenschützen und mächtige Bewacher der ruhmreichen babylonischen Stadt des Tages. Als sie die Bergluft witterten, bäumten sich die Pferde wiehernd auf, und ihr lustiges Stampfen klang wie Lachen. Ob sie die frohen Sporne dieses Tages fühlten? Denn der Tag war toll vor überschäumender Freude; und hoch am Himmel konnte man die Sonnenpferde wiehern hören, von deren Nüstern Schaum herniedertroff, der allenthalben in wattigen Schwaden über den Bergen hing“.

 

 

Christa Schuenkes Stärke sind bildhafte Ausdrücke, da gibt es wattige Schwaden, an einer anderen Stelle lernen wir eine genadelstichelte Handschrift kennen, sie bereichert unser armseliges, aktualitätsversessenes, globalisiertes Deutsch mit archaischen Begriffen wie Sporne, und statt des langweiligen triefte steht bei ihr das Präteritum der unregelmäßigen Form troff. Melvilles Formulierung „An infixing stillness, now thrust a long rivet through the night, and fast nailed it to that side of the world“ erweitert Christa Schuenke folgendermaßen: „Da durchschlug ein Keil von Stille die Nacht und nagelte sie wie mit einem langen Bolzen fest an diese Seite der Welt“ und denkt sich nicht nur die schöne Metapher vom „Keil der Stille“ aus, sondern gibt dem Vergleich durch die Synonyme Keil und Bolzen eine größere Plastizität. Christa Schuenke findet Bilder für Melvilles amerikanische Sätze, und sie lässt der Sprache ihr Geheimnis.

 

 

Übersetzer sind, und Christa Schuenke führt es in ihrer lyrischen Melville-Übertragung vor, genau wie Schriftsteller die Retter der Sprache, die Sprach-Bewahrer und Sprach-Pfleger. Kaum jemand weiß besser als sie, dass sich hinter den verschiedenen Sprachen verschiedene Weltansichten verbergen. Wilhelm von Humboldt, selbst Übersetzer des Agamemnon, hat als erster die Sprache als eine „Arbeit des Geistes“ verstanden. Mit der Sprache „scheiden wir uns von der Welt ab“, wir weben und leben in ihr, und in jeder Sprache weben und leben wir anders.

 

 

Denken ist sprachlich verfasst, auch wenn das in der zeitgenössischen Linguistik gerade wieder verleugnet wird. Die Sprache ist die Kathedrale des Denkens, und jede Sprache birgt andere Möglichkeiten der Weltwahrnehmung. In seiner Vorrede zu Agamemnon schreibt Humboldt: „Ein Wort ist so wenig ein Zeichen eines Begriffs, dass ja der Begriff ohne dasselbe nicht entstehen, geschweige denn fest gehalten werden kann; das unbestimmte Wirken der Denkkraft zieht sich in ein Wort zusammen, wie leichte Gewölke am heiteren Himmel entstehen“.

 

Deshalb nützt es also nichts, und die Übersetzer wissen, wovon ich rede, für ein englisches Wort ganz einfach das entsprechende deutsche Wort hinzuschreiben. Denn ein Amerikaner stellt sich unter einem tree etwas anderes vor, als ein Deutscher unter einem Baum und ein Italiener unter einem albero, der Amerikaner sieht, je nach Landstrich, vielleicht einen hickary tree, einen nordamerikanischen Nussbaum oder einen Ahorn vor sich, der Deutsche eine Eiche und der Italiener eine Pinie, ganz zu schweigen von einem Afrikaner, der vermutlich eine Palme vor Augen hätte. Übersetzungen sind deshalb, so weiß schon Humboldt, „die nothwendigste Arbeit in einer Literatur“, denn es geht um die Erweiterung der Bedeutsamkeit und der Ausdrucksfähigkeit der eigenen Sprache.

 

 

„Alle Sprachformen sind Symbole, nicht die Dinge selbst, nicht verabredete Zeichen“, erklärt Humboldt, „sondern Laute, welche mit den Dingen und Begriffen, die sie darstellen, durch den Geist, in dem sie entstanden sind, und immerfort entstehen, sich in wirklichem, wenn man es so nennen will, mystischen Zusammenhange befinden“. In der Sprache sind die Gegenstände der Wirklichkeit  aufgelöst in Ideen enthalten; sie ist etwas Lebendiges, ein organisches Gebilde oder eben ein Baum, der wächst und sich verändert. Wenn nicht die Fremdheit, sondern das Fremde gefühlt wird, sagt Humboldt über die Wirkung der Griechen auf den zeitgenössischen deutschen Leser, hat die Übersetzung ihre höchsten Zwecke erreicht. Christa Schuenke ist genau das gelungen: ihr Pierre bleibt ein sperriges Buch, das dennoch ungeahnte Resonanzräume öffnet, dem Deutschen ungewohnte Facetten abgewinnt, ihm das Andere ablauscht und uns neu mit unserer Muttersprache konfrontiert. Eine wahre Erd-Schrifsteller-Arbeit, ein Sisyphos-Akt, wie ihn nur Übersetzer vollbringen können.

 

 

Übersetzer sind mit den Schwingungen der verschiedenen Sprachen vertraut, sie leben in ihnen und haben genau deshalb ein besonderes Verhältnis zu ihrer Muttersprache. Und Übersetzer dringen auch leichter in Zonen vor, in denen keine Sprache mehr herrscht.

 

 

Eine Autorin, die die Verschiedenheit der Sprachen am eigenen Leib erfuhr und immer wieder an die Ränder des Sagbaren vordringt, ist die Rumäniendeutsche Herta Müller. Die Zweisprachigkeit wurde zu einem produktiven Element ihres Schreibens, denn das Wissen um die rumänischen Wörter schwingt in ihren Texten mit. „In jeder Sprache sitzen andere Augen“ beschreibt Herta Müller diese Humboldtsche Weltansichten-Vielfalt in ihren Poetikvorlesungen. Eine Lilie zum Beispiel, die im Deutschen weiblich und im Rumänischen männlich ist, vollführe wegen dieser Doppeldeutigkeit ein kleines, rätselhaftes Spektakel, sie habe gleichzeitig etwas mit einer Dame und mit einem Herrn zu tun, sei unruhig im Kopf und sage ständig etwas Unerwartetes über sich und die Welt. In einer zweisprachigen Lilie sieht man also mehr als in einer einsprachigen. Für Herta Müller barg die doppelbödige Sprache mit ihren Irrläufen im Kopf den Fluchtweg aus dem totalitären Ceausescu-Regime; sie war ihre Rettung. Dass Sprachen Rettungsanker sein können, kennt Christa Schuenke aus ihrem eigenen Leben.

 

Christa Schuenkes große Sensibilität für die Sprache und ihre Zwischentöne hängt auch mit ihrer Herkunft zusammen. Wer in einem Land aufwächst, in dem der Sprache Gewalt angetan wird, um die Wirklichkeit umzuformen, entwickelt vielleicht eine besondere Hellhörigkeit für Nuancen. Wie sich Sprache in totalitären Systemen verändert, hat man in der Geschichte schon häufig beobachten können - Viktor Klemperers große Studie Lingua tertii imperii über die Sprache des Dritten Reiches war nicht umsonst in der DDR ein wichtiges Buch. Sprachregelungen sind seit jeher ein beliebtes Instrument der Verbrämung. Während der französischen Revolution, in der eine scharfe jakobinische Sprachpolitik betrieben und das Französische zur Sprache der Freiheit deklariert wurde, hieß der roi dann tyranne, und auch die DDR erfand mit Jahresendfigur für Weihnachtsengel, Winkelemente für Fähnchen, Getränkestützpunkt und Sekundärrohstoffannahmestelle einige sprichwörtlich gewordene Begriffe.

 

 

Wenn massive Sprachregelungen mit politischem Hintergrund die Sprache beherrschen, wird die Literatur zum wahren Hort der Freiheit. Die englischen Klassiker waren für Christa Schuenke ein Bereich, der noch nicht von der manipulierten Alltagssprache infiziert war - hier konnte sie ihren eigenen Stil entfalten, ein anderes Deutsch prägen. Sie war zu Gast in einer fremden Welt - in einer Sprachwelt, versteht sich - und fand dort vielleicht ihre eigentliche Heimat. Diesen Ort hat sie bis heute nicht verlassen, und ich wünsche ihr, dass sie noch viele Baumschriftsteller dorthin verpflanzt. Christa Schuenkes preisgekrönte Übersetzung des Pierre besitzt das höchste Gut: Anmut und Erhabenheit.