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HELMUT FRIELINGHAUS - LAUDATIO

Was ist eine gute Übersetzung, eine herausragende Übersetzung?

Wie können wir die Qualität einer Übersetzung beurteilen, welche Maßstäbe legen wir an?

 

Wer übersetzt oder sich mit Übersetzungen beschäftigt, weiß, dass die Literaturkritik, obwohl jedes Jahr unzählige Übersetzungen erscheinen, vor dem Problem der Übersetzungskritik weitgehend kapituliert hat. Es gibt Ausnahmen.

 

Hin und wieder lesen wir eine spektakuläre, weil vernichtende Kritik, über die dann eine Weile unter Übersetzern diskutiert wird; hin und wieder, eher selten, lesen wir eine ernste Auseinandersetzung mit einer Übersetzung, die Lesern mitteilt, was an der Übersetzung des besprochenen Werkes ungewöhnlich, gelungen, warum sie lesenswert ist.

 

 

Wer übersetzt, weiß auch, wie selten es noch vorkommt, dass man an einen Lektor gerät, der Übersetzungen mit Kompetenz durchsieht, beurteilt, verbessert; meistens werden Übersetzungen von anonymen Hilfskräften redigiert, die mit der Fremdsprache nicht genügend vertraut sind und oft das Deutsche nur halbwegs beherrschen. Übersetzer singen gern das Lied von den daraus resultierenden Streitigkeiten mit ihren Verlagen. Und viele leiden unter solchen Missständen mehr als unter unzureichenden Honoraren.

 

 

Bernhard Robben reagierte ziemlich mürrisch, als ich vor zwei oder drei Jahren im Literarischen Colloquium Berlin über den Beruf des Lektors und von den guten Lektoren sprach, die es einst gab und meiner Meinung nach immer noch gibt. Ich hatte damals den Verdacht, er hielte diese Spezies für ausgestorben, und freute mich, als er mir von langen und guten Telefongesprächen mit seiner Lektorin bei Diogenes erzählte.

Manchmal übernehmen Mitglieder der Jurys von Übersetzerpreisen die Aufgabe von Lektoren und Kritikern, Übersetzungen zu beurteilen. Das ist hier geschehen. Die schöne Begründung der Jury zur Wahl der Empfänger des Preises, der heute hier vergeben wird, sagt über beide Übersetzungen Handfestes aus, womit wir als Leser etwas anfangen können. 

 

 

Da heißt es zum Beispiel: „Bernhard Robben nutzt den ganzen Reichtum des Deutschen, um das Original in einer unverkrampften, fein abgestuften Sprache nachzuschaffen, die einen großen Lesegenuss bietet.“ Konkrete Aussagen über die sprachlichen Fähigkeiten des Übersetzers. Und dann das Wort Lesegenuss! Ich habe habe das prüfen wollen und habe, tatsächlich mit Genuss, den Roman Abbitte von Ian McEwan in Robbens schöner Übersetzung gelesen. Auch habe ich im Hinblick auf meine heutige Aufgabe pflichtbewusst, wie früher als Lektor, viele Seiten seiner Übersetzung Satz für Satz, Wort für Wort mit dem englischen Original verglichen. Dabei fiel mir einiges auf, was ich hier sagen möchte.

 

 

Ganz offensichtlich hat Bernhard Achtung vor dem Original: Respekt vor dem englischen Autor und seinem Text hat ihn bei seiner Arbeit geleitet. Er hat ein feines Ohr für die differenzierten Töne und Zwischentöne, die der Autor in diesem Roman anschlägt. Und er hat es mit einem Autor zu tun, der seinerseits den ganzen Reichtum der englischen Sprache nutzt. Wenn ich sage, dass ich den Roman spannend finde, muss ich gleich hinzufügen, dass mich am meisten an diesem Buch das sprachliche Kunstwerk fasziniert. Die Gestalten, die allesamt lebendig vor dem Leser stehen und sich, über einen langen Zeitraum hin, entwickeln und verändern, sprechen sehr unterschiedlich, sie werden nicht nur durch ihr Handeln, sondern auch durch ihre Sprache charakterisiert. Der Autor spielt gern und brillant mit Formen, Sprachebenen, Stilen. Seine Erzählhaltung verrät überdies Anteilnahme und, oft gerade in den vielen tragischen Momenten der Geschichte, eine feine, vielleicht britische, jedenfalls sehr menschliche Ironie. Sprachlich hat der Roman durchaus etwas Artistisches.

 

 

Für McEwan ist die Sprache das entscheidende Mittel bei seinem Bemühen, sich in die Gedanken, in die Seele seiner Gestalten hineinzuversetzen. Er zeigt, wie seine Menschen in verschiedensten, oft extremen Lebenssituationen denken und fühlen, Menschen zum Beispiel, die von Leidenschaften besessen sind, die aus Liebe in einer jähen Anwandlung, in einem einzigen unbedachten Moment etwas Schreckliches, nie wieder Gutzumachendes tun, Menschen, die unter demütigender Klassenarroganz zu leiden haben, Menschen, die den Schrecken eines brutalen Krieges ausgesetzt sind. McEwan zeichnet Gestalten von Jugendlichen und Frauen mit einem aussergewöhnlichen Einfühlungsvermögen - kein Wunder, dass er dieser Fähigkeit wegen von einem Kritiker der Zürcher Weltwoche mit Theodor Fontane und Henry James verglichen wurde.

 

 

All dies zeigt aber auch, welche Anforderungen das Buch Atonement an den Übersetzer stellte. Bernhard Robbens Abbitte ist wie das englische Buch ein sprachliches Kunstwerk. Damit ist eigentlich alles gesagt, aber ich möchte etwas hinzufügen: Man merkt der deutschen Fassung an, dass Robben dem Autor bereitwillig und gern auf seinen verschlungenen Wegen gefolgt ist und dass es ihm Spaß gemacht haben muss, das virtuose Spiel des Autors mitzuspielen. Da ist der ruhige, schön fliessende, den Leser einhüllende erzählerische Grundton, aber in dem Moment - und es gibt dauernd solche aufregenden Momente -, wo der Autor ausschert, den Leser aufschreckt und starke oder feine, leise, aber oft verblüffende Akzente setzt, ist Robben ganz da, ist mit findigen, im Zweifelsfall mutigen Lösungen bei der Hand.

 

 

Neben dem Spaß ist bei dieser Übersetzung, es kann nicht anders sein, Zuneigung, ich scheue mich nicht, zu sagen: Liebe im Spiel. Mit Liebe angefertigte Übersetzungen sind für Verleger, Lektoren und für Leser immer ein Glücksfall, ein Fest.

 

 

Der Roman, der hauptsächlich in den dreißiger und vierziger Jahren in England und vorübergehend in Frankreich spielt, erzählt von Irrungen und Wirrungen mit bestürzenden, nachhaltigen Folgen. Abbitte ist kein leichtgewichtiges Buch, es werden schwierige menschliche Beziehungen dargestellt, es gibt da zum Beispiel diese wunderbaren Geborgenheiten von einst, etwa in der Kindheit und Jugend auf einem englischen Landsitz der dreißiger Jahre oder in einer großen Liebe, aber sie werden immer wieder gestört oder zerstört. Es gibt bei McEwan höchst raffinierte scheinbare Abschweifungen, etwa wenn ein Kapitel von der Migräne einer Frau handelt, oder wenn ein Redakteur einer jungen Autorin mit einem langen Brief, der für sich ein Kabinettstück ist, eine Geschichte zurückschickt. Versteckspiel und Enthüllung, bis zu letzten Seite.

 

 

All die komplizierten und schönen Wendungen, die sich der Autor leistet, sind in Bernhard Robbens Arbeit nicht nur da, sie sind - wie im Englischen - so leicht und angenehm lesbar, dass man das Buch irrtümlich für einen leichtgewichtigen Roman halten könnte. Wenn eine Übersetzung, wie Ortega y Gasset sagt, der Weg zum Werk ist, dann beschert uns diese Übersetzung einen bequem begehbaren Weg, ohne dass sie irgendwo ausweicht.

 

 

Bernhard Robben hat sich, von seinen Anfängen als Übersetzer an, um die irische Literatur verdient gemacht. Er hat Bücher bedeutender Autoren übersetzt, darunter etliche Bestseller, aber auch Bücher, die zu seinem Kummer unbekannt geblieben sind.

 

 

Ich habe mir einen von ihm übersetzten Bestseller angesehen, den Roman Der Pferdeflüsterer von Nicholas Evans, ein Buch, das den Übersetzer mit einer Fülle von technischen Schwierigkeiten konfrontiert, wenn er nicht Reiter oder Pferdezüchter ist. Robben warnte vorsichtig: „Ich weiß nicht, ob Sie sich den Pferdeflüsterer ansehen möchten. Das ist ein Buch für die ersten Urlaubstage ...“ Aber ich habe den Roman neugierig und mit Lesegenuss gelesen, in Robbens exzellenter Übersetzung - und ich habe an den Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt gedacht, der die Übersetzungen wichtiger Rowohlt-Bücher gern selbst durchsah, zusammen mit dem Übersetzer und dem Lektor, einerlei ob es um Fahles Feuer von Vladimir Nabokov oder um den legendären Bestseller Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung von Eric Malpass ging. „Unsere Leser haben Anspruch auf gute Übersetzungen“, pflegte er zu sagen, wenn jemand diese Tätigkeit des Verlegers für Zeitverschwendung hielt.

 

 

Übersetzungen von der Qualität, wie sie aus der Werkstatt Bernhard Robbens kommen, sind auf dem Buchmarkt nichts Selbstverständliches. Bernhard Robben sagt nicht - wie Übersetzer das neuerdings häufig tun -: „Das kann man im Deutschen so nicht sagen, hier muss der Text geändert oder gekürzt, für den deutschen Leser geschmeidiger formuliert werden“, er sucht und findet das Äquivalent. Robben weiss, dass es beim Übersetzen nicht um eine gefällige Form des Vermittelns von Inhalten geht, sondern um Sprache, um das Wort. Da sucht er Nähe und stellt sie her. Er hat mit McEwans Roman Abbitte, um den es hier heute geht, ein literarisches Werk adäquat übersetzt, und adäquat heisst in diesem Fall brillant.

 

 

Übersetzerpreise sind - neben der Anerkennung für den einzelnen - auch immer so etwas wie eine Lobby für das stille, vielleicht nach wie vor im Schatten stehende, nach wie vor unterbezahlte Handwerk des Übersetzens. Sie sind aber auch ein Appell an Übersetzer: Es geht darum, immer wieder Maßstäbe zu setzen.

 

 

Ich gratuliere der Jury zu ihrer Wahl und Bernhard Robben zu dieser Auszeichnung.