
Sehr geehrter Herr Minister Vesper, geehrte Frau Präsidentin Brusis,
meine Damen und Herren, liebe Freunde!
Es ist für einen Übersetzer ungewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, noch ungewohnter ist es, dann ein Lob zu hören, gar ein so überschwengliches, wie ich es von meinem Laudator hören durfte, deshalb bitte ich Sie, mir zu verzeihen, daß ich Sekunden lang wünschte, wie einst Harun al Raschid unerkannt in der Menge verschwinden zu können, eine Maus zu sein, die zwar hört, was man sagt - schließlich bin ich neugierig -, die aber selbst nicht gesehen wird.
Möglicherweise hätte ich mir dafür aber lieber Kalif Chasid in Erinnerung rufen sollen, schließlich war er es, der gemeinsam mit seinem Großwesir ein Pülverchen erstand, das man sich nur aufs Haupt zu streuen brauchte, um sich in jedes beliebige Tier verwandeln zu können. Ein dreimaliges Verbeugen gen Osten und das laut ausgerufene Wort mutabor hätte jederzeit im rechten Moment die Maus wieder zum Mann werden lassen. Doch leider habe ich den alten Händler mit dem verborgenen Fach im Bauchladen bis heute nie getroffen, was ich am Schreibtisch jeden Tag aufs Neue bedauere, denn nichts würde meine Arbeit mehr erleichtern als eben dieses Pülverchen.
Wer übersetzen will, muß sich nämlich verwandeln können, denn ein Übersetzer wird zum alten irischen Bauern, der zusieht, wie vor dem Cottage im einsamen Donegal die Amsel eine Schnecke auf dem Feldstein zerschlägt. Er ist der coole Chicagoer Killer, der Al Capone hilft, einem Verräter die Füße in Beton zu packen. Er ist die dreizehnjährige Göre, die nachts mit dem Bus durch Edinburgh gondelt und mit Kodderschnauze über Gott und die Welt philosophiert.
Ähnlich wie bei einem Schauspieler sind solche Verwandlungen nicht einfach abrufbar; sie verlangen, falls kein Pülverchen zur Hand ist, eine fast geologische Umwälzung des Alltags. Will man die Stimme des irischen Bauern heraufbeschwören, liest man im Bett andere Bücher, hat man bei der Zeitungslektüre plötzlich ein Auge für die Agrarmeldungen, redet man ein Wort länger mit dem Opa von nebenan, mag abends nicht mehr Joggen, sondern lieber die Beine hochlegen und einen Tee trinken. Für den Killer sieht man häufiger Krimis, klingt am Telefon plötzlich ruppiger, holt die Lederjacke wieder aus dem Schrank, und für die Göre fährt man nach Kreuzberg, stellt sich an den Kotti und hört zu, läßt sich Nachhilfe von Jugendlichen in Neudeutsch geben und irritiert die Ehefrau durch ungewohnten Leichtsinn im Musikgeschmack.
Beruf des Dichters sei es, wie Elias Canetti einmal sagte, "Hüter der Verwandlung" zu sein, doch gilt für die Übersetzer, was er danach schrieb: „Sie sollten imstande sein, zu jedem zu werden, auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten. Ihre Lust auf Erfahrung anderer (müßte) eine Leidenschaft für sich (sein), eben die Leidenschaft der Verwandlung. Es würde ein immer offenes Ohr dazugehören. Nur durch Verwandlung wäre es möglich zu fühlen, was ein Mensch hinter seinen Worten ist; was an Lebendem da ist, wäre auf keine andere Weise zu erfassen.“
Zu dieser Art der Verwandlung gehört auch, daß ich, als ich McEwans Roman „Atonement“ übersetzte und mich einige Tage in London aufhielt, zum St. Thomas-Hospital ging, in dem Briony als Krankenschwester gearbeitet hat. Gleich nebenan liegt das Florence-Nightingale-Museum, das zeigt, wie es während des Zweiten Weltkrieges in englischen Krankenhäusern zuging, wie Spritzen, Knochensägen und Bettpfannen damals aussahen. Ich bin Brionys Spuren gefolgt und habe nach dem Haus ihrer Schwester Cecilia gesucht, der Lambeth Palace Road an der Themse entlang, vorbei an der Kirche, in der ihre Kusine Lola geheiratet hat.
Meinen Urlaub verbrachte ich in der Bretagne und fuhr auf dem Rückweg an den Strand von Dünkirchen. Und doch ging es mir bei alldem wie Arthur Koestler, der, als er seinen Roman ‚Spartakus’ schrieb, wochenlang herauszufinden versuchte, was Gladiatoren unter ihren kurzen Röcken trugen, ohne in seinem Buch auch nur ein Wort über das Ergebnis seiner Recherche zu verlieren. Und doch sind es gerade solch unsichtbaren Bausteine, die Autoren wie Übersetzern helfen, eine Welt erst realistisch werden zu lassen.
So wie sich aber der Übersetzer verwandelt, um sich dem Text anzunähern, so scheint sich oft auch der Text zu verwandeln, um vor dem Worthäscher zu fliehen. Welcher Übersetzer kennt es nicht, daß man einen Roman liest, eine einfache, geradlinige Geschichte, die, sobald man mit der Arbeit beginnt, immer komplizierter und vertrackter wird, fast, als wäre sie verhext. Galt bis zu diesem Augenblick für den Übersetzer, daß er verwandlungsfähig, anpassungsfähig, ja quecksilbrig sein muß, gilt nun das Gegenteil. Stur wie als Robben verkleidete Recken muß er festhalten, soll sich die wahre Gestalt des Gesuchten offenbaren. Sie kennen die Geschichte von Proteus.
Auf der langen Irrfahrt von Troja nach Hause trifft Menelaos auf den Meergreis Proteus, der ihm, wenn er ihn denn zu Fassen bekäme, den kürzesten Weg nach Hause verraten könnte. Also sinnt er auf eine List. „Wann die Mittagssonne den hohen Himmel besteiget“, heißt es bei Homer (Übersetzung von Johann Heinrich Voß). „Siehe, dann kommt aus der Flut der graue untrügliche Meergott, legt sich hin zum Schlummer in überhangende Grotten, und floßfüßige Robben ruhn in Scharen um ihn.“
Der griechische Held tötet vier Robben, streift sich und drei tapferen Gefährten das Fell der Tiere über und erwartet derart getarnt den Meeresgott. Als der auftaucht, packen sie ihn und halten ihn fest. Proteus versucht, sich ihrem Griff zu entwinden und verwandelt sich immer wieder aufs Neue: „Erstlich war er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne, drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach und ein zürnender Eber, floß dann als Wasser dahin und rauscht’ als Baum in den Wolken, aber wir hielten ihn fest mit unerschrockener Seele.“
Erst als Proteus ermüdet, gibt er auf, zeigt sich in seiner wahren Gestalt und beginnt, Rede und Antwort zu stehen. Nicht anders ergeht es dem Wort suchenden Übersetzer, dessen Beute nur allzu oft einen eben solch proteischen Charakter an den Tag legt. Kaum glaubt er, genau zu wissen, was er mit seiner Feder aufspießen will, schillert das Wort im Original in neuer Bedeutung, und dann gilt es festzuhalten und nicht locker zu lassen, bis, Jäger und Gejagter gleichermaßen ermattet, das richtige Wort an die richtige Stelle im Text schlüpft, den wahren Sinn freigibt und manchmal sogar die Zukunft verrät.
Wie Sie an dieser Geschichte erkennen, vermag kein Übersetzer, wenn er auf die Zauberkraft der Worte trifft, allein allen Gefahren zu trotzen. Meine Gefährtin auf dem Weg vom Englischen ins Deutsche war im Falle Ian McEwans meine Lektorin Christine Stemmermann, die sich viele Tage in langen, geduldigen Telefongesprächen mit mir unter dem Robbenfell verbarg, um dem alten Zauberer aufzulauern, dem Meeresgott, dessen Statue uns auch von einem für das Romangeschehen nicht ganz unwichtigen Brunnen grüßte. Ohne meine Lektorin stünde ich heute nicht hier, und es bereitet mir große Freude, ihr auch von dieser Stelle noch einmal meinen Dank für ihre unermüdliche Arbeit aussprechen zu dürfen.
Christine Stemmermann war es auch, die mir die Übersetzung des Romans von Ian McEwan anbot, und als ich Ian davon erzählte, grinste er nur und meinte: „So we have come full circle.“ Vor gut fünfzehn Jahren nämlich hatte er mich einmal gefragt, ob ich sein Übersetzer werden möchte, und ich hatte abgelehnt, weil ich Privates nicht mit meiner Arbeit vermengen wollte. Das war in Berlin am Tegeler Baggersee. Ian McEwan, eingeladen zur 750-Jahrfeier der geteilten Stadt, hatte sich standhaft geweigert, an diesen heißen Sommertagen mitten im Juli irgendwelche Museen zu besuchen. Statt dessen mußte ich zwei Fahrräder organisieren, während er einen Picknickkorb mit reichlich Champagner besorgte, und so fuhren wir dann Baden, immer an der Mauer lang. Auf dieser Fahrt, gestand er mir später, habe er plötzlich geglaubt, einen Mann mit zwei Koffern vor sich zu sehen. Er habe genau gewußt, was in diesen Koffern war, nicht aber, was der Mann dort zu suchen hatte - eine Vision und eine Frage, die ihn zu seinem Buch „Unschuldige“ inspirierte.
Wir blieben danach in Kontakt, trafen uns in Oxford, in Norwich oder in Frankfurt zur Buchmesse, und selbst als ich am Morgen nach dem Mauerfall, gegen 6 Uhr früh, einen hungrigen Ian McEwan mit übernächtigtem Blick am Potsdamer Platz in Berlin traf, war ich nicht weiter verwundert. Wir haben endlos miteinander geredet, als über seinen Freund Salman Rushdie die Fatwa verhängt wurde und noch länger, als er sich von seiner ersten Frau scheiden ließ. Selbst zur Übersetzung hat er allerhand beigetragen, denn während er mich in seinem Haus bekochte, Zwiebeln und Tomaten schälte und schnitt, saß ich am Küchentisch und durfte ihn über Halbkettenfahrzeuge, Uniformteile, Krankenhauspersonal und Migräneerfahrungen ausquetschen.
Als Ian McEwan in diesem Jahr den Deutschen Bücherpreis gewann, gestand er, sich im Haus Diogenes wohl wie in einer Familie zu fühlen - dem kann ich nichts hinzufügen. Damit bin ich auch am Ende meiner Rede, doch brauche ich mich heute nicht, als wäre es das Ende eines Arbeitstages, gen Osten wenden, hoffen, daß ich lächelnd nicht das Zauberwort vergaß und mutabor rufen, um im festen Griff des Alltags aus Bauer, Killer, Göre oder Maus wieder in die gewohnte Gestalt zu schlüpfen, sondern darf zum Abschluß der Jury und der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen sowie allen danken, die kurze oder längere Wege auf sich genommen haben, um hier mit mir zu feiern und ihren Teil dazu beizutragen, daß ich heute in ihrer Mitte stehen und zusammen mit meiner Kollegin und Freundin Christa Schuenke ein wenig von jenem zauberhaften Pülverchen entgegennehmen darf, daß die Arbeit des Übersetzens soviel einfacher macht. Herzlichen Dank!