I. Eine Ankunft, ein Abschied
Im Linientaxi aus Geldern saß ich am 3. September neben einer sehr schlanken Frau und einem sehr haarigen Hund. Die Frau redete, der Hund schlief. Dann stieg ich aus. Mein erster Eindruck von Straelen, vom Übersetzerkollegium, war eine Versammlung vieler Übersetzer in der Küche. Ich wusste nicht, worum es geht. Ich setzte mich einfach dazu. Wie ein Tischgebet sah es aus. Ich war beeindruckt. Dann standen alle auf. Ich habe auf einen Segen gewartet. Es war ein Sonntag. Die Kirche steht nebenan. Es kam aber kein Segen. Es war ein Abschied. Jemand fuhr weg. Jemand kam an.
II. Überall zuhause
Und es wurde Abend und ich saß schon im Zimmer und ich hörte ein Gespräch von draußen. Ein Gesprächversuch. Ein paar junge Straelener lernten einen polnischen Saisonarbeiter kennen. Dann schlief ich ein, beruhigt, dass ich zwar Hunderte Kilometer zurückgelegt habe, mich aber immer noch in dem gemeinsamen multikulturellen und multilingualen Europa befinde. An den darauffolgenden Traum kann ich mich heute nicht mehr erinnern.
III. Neue Orte, alte Bekannte
An der schönen Weltkarte, die im Eingangsbereich des Übersetzerkollegiums hängt, und alle Besucher auf einem Blatt Papier versammelt, habe ich mir erlaubt, drei Orte anzukreuzen. Zuerst fuhr ich mit dem Finger ein Stückchen rechts von Wrocław / Breslau (Polen) und landete im kleinen Ort Oława, dann habe ich mich in einer kleinen Entfernung von Tübingen (nach Süden) platziert (bekanntlich Deutschland), schließlich fuhr ich entschieden weiter südlich zu der Dalmatinischen Küste und blieb in Makarska hängen (Kroatien). Am nächsten Tag habe ich noch dabei geholfen, den Punkt, den die Stadt L´viv darstellen sollte (Ukraine), mehrmals durchzupicken, für alle, die es vergessen haben. Dann konnte ich endlich beginnen, zu übersetzen.
IV. Der Rhythmus
Der Rhythmus war etwas Neues für mich. Nichts anderes als Übersetzen den ganzen Tag. Keine Ablenkung, kein Telephon, das klingelt. Ein Luxus. Ein Rhythmus vom Schlafen, Übersetzen, Trinken, Essen, Übersetzen, Reden, Übersetzen, Wörterklauen, Lesen, Übersetzen, Essen, Spazierengehen, Schlafen. Oder so. Für mich wirklich ein wahrer Luxus, sonst habe ich es nie.
V. Zusammenklauen der Worte
Das war meine Arbeit in Straelen. Vor Jahren habe ich bemerkt, dass die Worte mir wegrennen, sie brechen sich die Beine, verkommen, drehen sich um oder mich einfach gehässig verlassen. Normal, wenn man im Ausland lebt. Schrecklich, wenn man mit der Sprache arbeiten will. Da habe ich beschlossen, zu übersetzen, um die Wörter jeden Tag exerzieren zu dürfen. Um sie in Sätze ordnen und mit einem Punkt am Ende befestigen zu können. In Straelen war ich ständig auf der Suche – nach Worten, die ich sofort in meinen Text hineinstricken konnte, ich belauschte die Hausbewohner, ich ging mit einer spitzen Nase durch die Bibliothek und ich wurde findig. Ich fühlte mich wie die Protagonistin von Jenny Erpenbeck, ES, das alte Kind, das die Worte und Sätze und Gedanken klaute, und selbst versuchte es leer zu sein. Mit der Zeit stellte ich fest, dass ich dem ES immer ähnlicher werde. Da konnte ich ES übersetzen.
VI. ES
Ich konnte die kleinen Bildchen im Text erkennen, die mir früher verschlossen blieben. Die einzelnen Kamerablicke. Die Momentaufnahmen. Und die Ähnlichkeiten. ES im Herbst. ES im Winter. (Meine Lieblingsmonate, ist es nicht schrecklich?) ES beim Fressen (ich esse zuviel). ES beim Spielen. ES im Kino. ES in Gedanken. ES und seine piepsige Stimme (ich muss wieder normal reden). ES und seine Unfähigkeit, sich in der Sportstunde nützlich zu machen (ich war doch immer die letzte). ES ist bisschen zu groß geraten (da gab’s ja so ein Foto...).
Der Text formte sich selbst wie immer, wie ein Krug auf der Drehscheibe. Ich hielt ihn nur fest in den Händen und er wuchs und drehte sich und drehte.
VII. Tägliche Musik
Meine tägliche Musik waren die Konzerte der Dohlen zwischen fünf und sechs Uhr in der Früh, dann setzte schon die Kirche an (sehr schön), dann gibt’s ein Loch in der Erinnerung, dann kommen schon die Nachmittagskinder auf dem Spielplatz. Deutsch und Polnisch. Schon wieder. Und Megafone. Laut.
VIII. Schlaflosigkeit
Am Ende des Buches schläft das Mädchen sehr viel. Und ich schlief immer weniger. Schlimm. Ich konnte gar nicht schlafen. Selbst, wenn ich es wollte. Aber dann war das Buch schon zuende. Was für ein Glück.
IX. Litera-Touren
Die wunderbare, riesengroße Bibliothek, die Menschenschatten, die nachts durch das Haus huschen, die knirschenden Bretter, die Atmosphäre der Arbeit, die Gespräche in der Küche und unterwegs, die gemeinsamen Bekannten, die plötzlich zwischen Unbekannten wie Lichtpunkte auftauchen, die Stammtische, die Kochabende, die Muscheln, die man unbedingt essen gehen soll (schon gemacht), die mexikanische Feuer-Suppe von El Paso, aber auch die Fahrradtouren. Und die Erfahrung, dass ob man links oder rechts abbiegt, kommt man immer bei Straelen heraus. All das hat mir (und hoffentlich auch der Übersetzung) sehr gut getan.
X. Noch einmal vielen Dank
Ich möchte mich bei allen Personen, die mir den Aufenthalt im EÜK ermöglicht haben, herzlich bedanken. Bei Jenny Erpenbeck, die das Buch geschrieben hat und beim Czarne-Verlag (Polen), der meine Übersetzung haben wollte, bei meinem Arbeitgeber, der mir den Urlaub gab.
Vor allem möchte ich mich bei der Kunststiftung NRW bedanken, dass Sie sich bereit erklärt haben, mich und meine Übersetzung von Jenny Erpenbecks „Geschichte vom alten Kind“ zu fördern. Vielen Dank. Das war mein erster Besuch in Ihrem Haus. Meine Prämiere in Straelen. Vielen Dank.
„Historia starego dziecka“, so klingt der polnische Titel meiner Übersetzung, ist schon seit einigen Stunden in den Händen des polnischen Verlagen. Er hat eine wirklich gute Hand für Literatur. Die Arbeit ist zuende, die Koffer schon gepackt, der Bericht abgebeben. Auf Wiedersehen und noch einmal vielen Dank.
Straelen, den 28. September 2006
Renata Makarska ist literarische Übersetzerin. Sie übersetzt aus dem Deutschen ins Polnische. In Straelen arbeitete sie an der Übersetzung von Jenny Erpenbecks "Geschichte vom alten Kind" ins Polnische. Sie lebt in Tübingen.