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Claudia Baricco (Argentinien)

Zimmer 2- das BULGARISCHE Zimmer

 

 

Die argentinische Übersetzerin Claudia Baricco arbeitete im Januar 2010 im Europäischen Übersetzer-Kollegium an der Übersetzung von Sibylle Lewitscharoffs Roman "Apostoloff" in ihre spanische Muttersprache

 

 

Diesmal war ich schon vorgewarnt. Ich habe dann nichts nicht erwartet.

Und was ich nicht nicht erwartet hatte, traf dann natürlich ein: ich fand die besten Arbeitsbedingungen vor, was dazu führte, dass ich konzentriert mehr als die Hälfte der Rohfassung schaffte und schon mit dem zweiten Durchgang diesen Teiles anfing. Denn dieser Roman ist eine sprachliche Herausforderung für den Übersetzer - insbesondere der vielen Wortspiele, der vielen Anspielungen, der vielen Sprachebenen wegen, es ist ein Text mit einem ironischen Erzählton, mit viel Humor, und daher wollte ich dieses Mal nicht bis zum Ende warten, um die Übersetzung beim Redigieren reifen zu lassen --.

 

 

Ich fand auch eine tolle Ansprechpartnerin, die mir mit feinem Sprachgefühl und schwäbischen Erlebnissen und schwäbischen Kenntnissen viele Fragen beantwortete und Licht in die deutsche Seite des Romans brachte, der aus einer sehr interessanten Vernetzung von schwäbischen Motiven besteht.

 

 

Über KollegInnen kam ich in Kontakt mit weiteren KollegInnen, z.B. mit dem bulgarischen Übersetzer von Apostoloff, mit dem ich mich schon in Kontakt gesetzt hatte, weil wir einiges zu besprechen haben, und der beim nächsten Internationalen Übersetzertreffen, an dem ich auch teilnehmen werde, eine Veranstaltung mit der Autorin Sibylle Lewitscharoff moderieren wird.

 

 

Bei meinem Aufenthalt im Januar 2010 stand alles unter dem Zeichen vom Wiederfinden: die anregenden Gespräche, die guten Tipps, die Nachschlagewerke (besonders die schwäbischen Wörterbücher), die belletristischen Werke der deutschsprachigen Literatur, die man auf der Suche nach neuen Projekten liest oder anliest (diesmal Bücher von Urs Widmer, Antje Ravic Strubel, Marion Poschmann, Sibylle Lewitscharoff, Peter Stamm), die Bücher der wunderschönen sich durch alle Räume des Hauses schlängelnden Bibliothek, die im Zimmer 2 für mich das Wiederfinden der französischen Literatur bedeutete: Marguerite Duras, Roland Barthes, Genet, Camus ...

 

 

Und trotzdem wurde ich auch dieses Mal wieder überrascht. Außer Zimmer 10, das ich beim letzten Besuch bewohnte, kannte ich im Haus nur das Zimmer 2. 

 

Einmal - beim Dienstags-Stammtisch der Übersetzer - sprachen wir zufällig über Doppelgänger. Ich berichtete den Kollegen, daß ich in meiner Heimatstadt öfters unglaubliche Doppelgänger von Bekannten und sogar von Verwandten gesehen habe.

 

 

Die bulgarische Kollegin, die neben mir saß sagte: Ich auch! Sie habe sogar hier im Kollegium in ihrem Zimmer die Doppelgängerin ihrer Mutter gesehen und die hinge genau über ihrem Bett! Neugierig schauten wir uns an diesem Abend sogleich das entsprechende Zimmer an: in Zimmer 2 hing ein Bild: die Doppelgängerin der Mutter unserer bulgarischen Kollegin. Nun war es natürlich nicht ein Bild der Mutter unserer bulgarischen Übersetzerkollegin, sondern das Bild einer Darmstädter Schriftstellerin, deren Büchernachlaß das Kollegium vor vielen Jahren bekommen hatte - Ilse Langner. Und die sah aus wie die Mutter unserer Kollegin.

 

 

Genau ein Jahr später kam ich nach Straelen zurück. Mein Vorhaben: den Roman Apostoloff von Sibylle Lewitscharoff zu übersetzen. Ein Roman, der in Bulgarien spielt, wo es um Bulgaren und die bulgarische Identität geht.

 

 

Und zufällig habe ich das Zimmer 2 bekommen, das für mich zum bulgarischen Zimmer geworden ist. Die Damen des Übersetzerkollegiums hatten nicht nur für alles andere gesorgt, sondern auch für diesen Zauber. Die Doppelgängerin der Mutter meiner bulgarischen Übersetzerkollegin hat mich diese fünf Wochen auf der bulgarischen Sprachabenteuerreise begleitet.

 

 

Im Kollegium kann man nicht nichts nicht erwarten, sage ich mir jetzt. Und ich bin gespannt auf meinen nächsten Besuch. Fortsetzung folgt.